29. April 2014

Reisen mit Uschi



Liebe Ingeborg,

meine Reisen buch ich ja bloß noch bei Uschi-Reisen!

Viele Grüße vom Gardasee
sendet Helga

17. April 2014

Euphoria

Statt mich mit aufgezwungenem Kram zu beschäftigen (wie über 269 Euro Rundfunkgebühr ärgern oder dem Ändern müssen meines Betriebssystems Windows XP zu Windows 7, 8, 9, 10 oder 11), kümmere ich mich heute mal um eine wirklich wichtige Angelegenheit: Ich werde mich in ein Second-Hand-Kaufhaus begeben und mit Hilfe der dortigen Einkaufsassistentinnen ein Kostüm für die Eurovision Song Contest Party auswählen!

27. Februar 2014

Der Tag, an dem ich mir eine neue Hose kaufte



Abends zuvor habe ich meine eine Hose mit Tomatensauce eingesaut und am nächsten Morgen fällt ein Marmeladenbrötchen auf meine andere Hose. Die eine und die andere sind also schmutzig und ich brauche eine dritte Hose.

Mein Mitbewohner erwischt mich, wie ich eine seiner Hosen von der Wäscheleine klauen will.

Schon seit Längerem will ich mir eine dritte Hose zulegen und recherchiere nach ihr im Internet. Was bisher lediglich dazu geführt hat, dass mir am Bildschirmrand häufig Hosenwerbung angezeigt wird – unabhängig davon, ob ich nun gerade nach einer Hose recherchiere oder Sexualkontakte suche.

Als Teenager hatte ich oft Sexualkontakte ostseits der Mauer und habe dort einmal einem Jungen meine Westjeans geschenkt. Doch anstatt mir im Austausch dafür von ihm seine Ostbuxe geben zu lassen, torkelte ich trunken vor Liebe und Alkohol in Unterhose zurück zum Grenzübergang. Die Westberliner Boulevardpresse machte den Vorfall publik und fortan war es unter Jugendlichen eine beliebte Mutprobe, sich der DDR-Grenze in Unterwäsche zu nähern.

Meine Erinnerungen werden gestört durch den verzückten Schrei meines Mitbewohners. Er hat ein zalando-Paket bekommen. Der verzückte Schrei weicht einem wütenden Brüllen, als mein Mitbewohner bemerkt, dass ihm die Schuhe zu klein sind.

Ich beschließe, meine neue Hose nicht im Internet zu kaufen. Die fehlenden Beinkleider mit einem langen Wintermantel kaschiert begebe ich mich in ein analoges Kaufhaus. Ich stelle mich in die Herrenabteilung und rufe: „Guten Tag, ich bin ein Kunde und möchte eine Hose kaufen.“ Niemand außer ein paar Schülerinnen aus Bergisch Gladbach, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, reagiert auf mich. Die Schülerinnen helfen mir, eine Hose auszuwählen.

Wieder zu Hause finde ich meinen Mitbewohner nackt vor. Sein Guru hätte als Kalenderblattspruch heute gepostet: „Streif all das ab, was von H&M ist, und du kommst deiner eigenen Persönlichkeit ein Stück weit näher.“

Ich habe Sorge, dass der Guru morgen dazu auffordert, all das loszuwerden, was von IKEA ist. Unsere Wohnung wäre danach unmöbliert und als schwedenfeindlich einzustufen.

Mein Mitbewohner begutachtet meine neue Hose und meint, dass ich in meinem Alter eigentlich längst ein Mindestmaß an Stilbewusstsein hätte entwickeln können. Sagt der, der neulich bei einer Lesung war, bei der 24 Stunden lang Songtexte von Andrea Berg rezitiert wurden.

Um endlich etwas Tiefgründiges zu tun, besuche ich einen Weltverbesserungskongress, auf dem ich meine Weltbesserungsideen vorstelle:

Weltverbesserungsidee Nr. 1: Um Ressourcen zu schonen, Um Ressourcen zu schonen, kauf dir pro Dekade nur eine neue Hose!

Weltverbesserungsidee Nr. 2: Um kostengünstig einen glamourösen Lebensstil zu zelebrieren, kippe billigen Weißwein in einen Wassermax, das Gesöff mit Kohlensäure aufpeppen und schon hast du Champagner!

Weltverbesserungsidee Nr. 3: Verwende hochgiftige, umweltschädliche Putzmittel mehrfach! Zunächst schnüffeln alle Mitbewohner dran und danach erst wird mit dem Zeug geputzt.

Weltverbesserungsidee Nr. 4: Stars wie Madonna, Rihanna oder Tina Turner sollten Vorbilder sein und, anstatt mit dem Privatjet von Konzert zu Konzert zu fliegen, sich lieber per Mitfahrzentrale fortbewegen.

Stellt euch vor, wie Tina Turner in der Mitfahrzentrale anruft: „Hello Mitfahrzentrale! It’s Tina Turner. Is there any car going from Berlin to Stuttgart today?“

Auf dem Kongress bekleckere ich mir meine neue Hose mit veganem Gulasch. Und meine Hose sieht richtig lecker aus. So lecker, dass ein just des Weges kommender Hosenfetischist sich hinkniet und das Gulasch von meiner Hose leckt. Ich taufe den Hosenfetischisten auf den Spitznamen Waschmaschine und frage ihn, ob er zufällig auch einen Putzfetisch hat. Dann nämlich täte ich ihn gern noch zu mir nach Hause abschleppen.

12. Februar 2014

Milchshake



Lange habe ich mich gefragt, warum mein Freund und ich nie offen diskriminiert werden, wenn wir durch die Straßen gehen.

Eigentlich sind wir für potentielle Diskriminierer ein besonders geeignetes Paar: An uns kann nicht nur Homophobie ausgelebt werden, sondern auch Rassismus – weil ich sehe mitteleuropäisch aus, mein Freund südländisch. Für einen Neonazi ist das schwule Rassenschande.

Und noch einer weiteren Phobie bieten wir eine Projektionsfläche: der Mikrophobie – der Angst vor kleinen Menschen. Mein Freund ist mindestens einen Kopf kleiner als ich und ein mikrophobes Arschloch könnte zu mir sagen: „Eye, Alter, dein Freund ist ja so viel kleiner als du, dass du ein Bier auf ihm abstellen kannst.“

Gib Hassenden gleich einen Katalog von Dingen, die sie hassen, und sie sind überfordert. Wenn mein Freund und ich durch die Straßen gehen, werden wir bloß deswegen nie angepöbelt, weil die Hassdelinquenten bei uns nicht wissen, was sie zuerst bepöbeln sollen. Und bis sie sich eventuell doch noch für eine Vorgehensweise entschieden haben, sind wir bereits außer Sichtweite.

Bleiben wir im Straßenverkehr. Als 16-Jähriger stand ich einmal an einer Ampel, ein Cabrio fuhr vorbei; die Insassen, eine Gruppe junger Männer, beschimpften mich als Schwuchtel und ein Milchshake wurde nach mir geworfen. Wann immer ich in den Jahren danach an einer Ampel stand, habe ich versucht, bloß nicht schwul auszusehen, damit nicht wieder ein Getränk nach mir fliegt.

Versucht zu haben, nicht schwul auszusehen, war ein Selbsthassverbrechen. Als Therapiemaßnahme habe ich in einem Selbstverteidigungskurs gelernt, auf mich fliegende Milchshakes abzufangen, ohne dass auch nur ein Tropfen mich besudelt. Diese Fähigkeit hat mir meinen ersten Job eingebracht – als Milchshake-Torero in einem kleinen ostwestfälischen Dorfvarieté.

Die blödeste Frage, die einem schwulen Paar gestellt werden kann, lautet: „Wer ist denn bei euch der Mann und wer ist die Frau?“ – Es überrascht mich, wie viele Menschen nicht zu wissen scheinen, dass es sich bei einem schwulen Paar nicht um einen Mann und eine Frau handelt, sondern dass beide ein Mann sind. Ein Paar, welches aus einem Mann und einer Frau besteht, nennt sich heterosexuell. Und Paare, die sich mit anderen Paaren paaren, nennen sich Swingerclub.

Stell dir vor, du bist schwul, kommst abends nach Hause und willst noch ein bisschen fernsehen. Und wieder wird eine Talkshow gesendet, in der über dich geredet wird. Leute, die dich überhaupt nicht kennen, diskutieren darüber, welche Rechte du in dieser Gesellschaft haben darfst. Ob du ein Kind erziehen darfst, ob von dir im Schulunterricht gesprochen werden darf, ob du heiraten darfst und ob deine Liebe zu deinem Freund ebenso viel wert ist wie die Liebe von Angela Merkel zu ihrem Ehemann.

Du switcht zu Germany’s Next Topmodel und kannst dich gut in das schöne junge Mädchen hineinversetzen, dass sich gerade von einer gelifteten alten Fratze namens Wolfgang Joop beurteilen lassen muss.

In Talkshows und Zeitungsinterviews behaupten homophobe Menschen gern, nicht homophob zu sein. Sie sind gar empört, wenn ihnen eine solche Eigenschaft unterstellt wird. Der Begriff Homophobie scheint eine Bedeutungsverschiebung zu durchleben: Ursprünglich waren bei Homophobie die Homos die Opfer, neuerdings sind bei Homophobie die Homophoben die Opfer.

Ich wünsche diesen neuen Opfern der Homophobie viel Kraft bei ihren Erfahrungen. Ich wünsche ihnen eine gute Zunge, damit sie herausschmecken können, welche Geschmacksrichtung der Milchshake hat, mit dem sie bald beworfen werden: Erdbeer, Kirsche, Banane oder Schoko?

Und wie wird es für einen Homophoben sein, wenn er an einer Ampel steht und krampfhaft versucht, nicht homophob zu wirken, weil gerade ein quietschrosa Cabrio mit giggelnden Tunten drin angefahren kommt?

11. Februar 2014

Horizont durch Berge begrenzt

Schweiz. Bei einer Volksabstimmung sprach sich die Mehrheit dafür aus, das Zuwandern von Menschen aus anderen Ländern zu begrenzen – was mich zu der Frage führt: Haben die Schweizer vergessen, dass selbst Klara, Heidis beste Freundin, eine Ausländerin ist? – Klara kommt aus Frankfurt. Und neuesten Erkenntnissen nach weist auch Ziegenpeter einen Migrationshintergrund auf – Forscher vermuten als Geburtsort ein Dorf in der Nähe von Sarajevo.

28. Januar 2014

Ostschrippe

Seit kurzem arbeite ich in der Bäckerei Jablonski in Hohenschönhausen.

Um sich von den anderen Bäckereien im Umfeld abzusetzen, haben sich die Jablonskis einen ganz besonderen Werbegag ausgedacht. „Wissen Sie, Herr Mars, die Leute hier im Osten wollen gern etwas haben, mit dem sie sich identifizieren können“, hat mir Frau Jablonski bei der Einarbeitung erklärt. Darum heißen die Brötchen nicht etwa Schrippe, Rosinenbrötchen, Käsebrötchen oder Körnerknacker, nein, hier tragen die Brötchen Namen prominenter ostdeutscher Frauen.

„Drei Angela Merkels, bitte!“ heißt es zum Beispiel, wenn eine Kundin welche von den Hellen mit der Einkerbung in der Mitte haben möchte. Zudem gibt es die Franzi-van-Almsick-Schwimmer, das Kati-Witt-Olympiabrötchen, das Nina-Hagen-Mischbrötchen, das Stefanie-Hertel-Dinkelbrötchen, die Carmen-Nebel-Semmeln und die Dagmar-Frederic-Croissants.

Die Angela-Merkel-Schrippen laufen am besten, was keine Überraschung ist, die ganz schlichten Brötchen, die für gewöhnlich auch die günstigsten sind, laufen wahrscheinlich in jeder Bäckerei am besten. Derartige Banalitäten ignorierend hat Frau Jablonski die Bundeskanzlerin aufgrund des Schrippenumsatzes zur beliebtesten Frau Ostdeutschlands gekürt.

Darüber hinaus hat die Jablonski mit ihrem Mann die Beitrittsunterlagen für die CDU ausgefüllt. „Wenn wir erst in der CDU sind, sagt mein Mann, dann steigen die Chancen, dass wir es schaffen, dass die Angela Merkel mal in unserem Laden vorbeikommt.“

Ich hoffe, Angela Merkel kommt an einem Dienstag, denn dienstags hab ich immer frei.

5. Januar 2014

Erster!



Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Lena Gercke war die erste Gewinnerin bei Germany’s Next Topmodel. Und ich war der Erste in meiner Klasse, dem schon Haare am Sack wuchsen, während bei den anderen Jungs die Genitalien noch aussahen wie kleine tief gefrorene Hähnchen.

Für den Ersten kann das Erster sein das Letzte sein, wenn er als Erster in der Clique beim Ladendiebstahl erwischt wird, als Erster an einem neuen Virus verreckt oder als Erster bei einem Poetry Slam auftreten muss.

Als erstgeborenes adliges Wesen wärst du der Kronprinz oder die Kronprinzessin und dürftest später König oder Königin werden. Als Erstgeborener in deiner Familie spielst du nicht die erste Geige; deine Eltern wollten eigentlich erst deine Geschwister machen und nur eventuell, vielleicht später, noch dich, du Nachgeburt!

Wenn du nicht weißt, wohin du gehen sollst, gehst du erstmal zu Penny und diskutierst mit der Kassiererin darüber, was zuerst da war: Das Huhn oder das Ei? – Zu Hause dann guckst du im Ersten eine Doku über den Ersten Weltkrieg. Und als du später im Bett zum ersten Mal in dieser Nacht onanierst, denkst du an deine erste große Liebe.

Du gingst bei der letzten Bundestagswahl mit Mitte dreißig noch als Erstwähler durch, weil dies die erste Wahl war, zu der du nicht erst nach 18 Uhr beim Wahllokal aufgekreuzt bist. Und während du in der Politik erst spät die erste Wahl getroffen hast, hast du dich, was deine Kleidung anbelangt, schon früh auf Zweite Wahl festgelegt.

Du schreibst erst seit zehn Jahren an deinem literarischen Erstlingswerk und hast in jedem Studiengang, der an deiner Uni angeboten wird, zumindest das erste Semester absolviert. Das muss dir erst einmal jemand nachmachen!

31. Dezember 2013

Wenn ein Fisch Ohren hätte, würde er sie anstelle von Wattestäbchen mit Fischstäbchen säubern



Dieser Text wurde zu Papier gebracht mit einem Tintenfisch. Alternativ hätte ich auch mit einem Lachs schreiben können, aber lachsfarben liest sich so schlecht auf weißem Papier.

Da er zur Produktion von Literatur ungeeignet ist, ergreift der Lachs den Beruf des Fischquiz-Quizmasters und fragt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Fisch und Helene Fischer?“ – Die Antwort: „Ein Fisch lebt im Wasser, Helene Fischer lebt im ZDF. Und Gotthilf Fischer lebt hoch auf dem gelben Wagen.“

Der Fischquiz-Quizmaster kennt auch die DDR-Ernährungsparole Fisch auf jeden Tisch. Bei der Pfarrerstochter Angela Merkel gibt’s zumindest an Karfreitag Fisch. Und seit Angela Merkel als Backfisch in der Uckermark angeln ging, hat sie einen Stockfisch im Arsch.

Apropos Politik: Ein nationalsozialistisch gesinnter Fisch nennt sich Braunfisch. Und sollten Sie in diesem Text nach einem tieferen Sinn suchen, angeln Sie vergebens.

Komme ich nun zum Goldfisch. Als Goldfisch wird jemand bezeichnet, der bei den Olympischen Spielen im Schwimmen eine Goldmedaille gewonnen hat.

Der tolle olympische Hecht zieht durchs Wasser wie durch Hechtsuppe und ist danach platt wie ’ne Flunder und windet sich später wie ein Aal, nachdem er dabei erfischt wurde, wie er im Trüben fischte – also Dopingfischfutter genommen hat.

Und ein weiterer Skandal erschüttert die Fischköppe: Weil der Aralsee verlandet, verlangt Aral, dass Shell auch keinen Schellfisch mehr haben soll. Wogegen schwärmeweise die Fische demonstrieren:
Mit fangfrischem Atem von Fischermen’s Friend
der Fischmob auf den Hamburger Fischmarkt rennt.

Der Fischmob schimpft wie ein Fischweib. Ein Fischweib genervt Tränengasbutter bei die Fische kippt und Fischers Fritz das Fischweib fix fickt. Er ist Wassermann und sie ist Fisch, d’rum bleibt ihre Liebe immer frisch.

Frische in der Liebe erhält sich zudem durch ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz. So sagt das Fischweib bald zum Fischers Fritz: „Auch wenn der Fisch noch nicht komplett gegessen ist, solltest du den Fisch machen, denn der Gast und der Fisch stinken am dritten Tag.“

Fischers Fritz kontert: „Ach, halt die Kiemen, du Fischweib, du nach Bratfisch stinkende Rollmopsin! Du redest doch bloß deswegen so daher, weil der Autor des Textes will, dass das Wort Fisch möglichst oft vorkommt. Fisch! Fisch! Fisch! Fisch! Fisch!“

Angepisst bzw. angefischt reist Fischers Fritz nach Heringsdorf. In Heringsdorf stört der Stör den Barsch im barschen Ton, weil dieser mit dem Thunfisch bloß dem Nichtstun frönt und höchstens mal mit dem Kabel-jau-chzt.

Ein Hai schwimmt vorbei und sagt: „Hi!“ Und die Makrele krakeelt, dass die Sardine von nun an Sabine genannt werden will. Die Sabine wird in die Sabinenbüchse gestopft, dieser Text ist abgefischt und ich gehe nun ins Badezimmer – Silberfische jagen.

18. Dezember 2013

Busfahrer



Neuerdings arbeite ich als Busfahrer. Und weil ich neu bin, werde ich auf öden Routen in Außenbezirken eingesetzt, in denen ich mich nicht auskenne. Einer hinter mir sitzenden Person werfe ich deshalb einen Stadtplan zu und sage: „Du suchst den Weg. Und ich fahre.“

An einer Kreuzung dann habe ich mir heute eingebildet, dass direkt vor meinem Bus Cindy aus Marzahn über die Straße geht. Vor Aufregung habe ich das Fahrzeug versehentlich in eine Ansammlung von Marktständen gelenkt, in deren Mitte eine musizierende Altkleiderfamilie stand. Der soziale Abstieg treibt Eltern dazu, sich mit ihren Kindern auf öffentliche Plätze zu stellen und zu musizieren.

Die Familie hat das Durcheinander genutzt, um möglichst viel herumkullerndes Obst und Gemüse in ihre Gitarrenkoffer und Geigenkästen zu packen und zudem meinen Bus zu klauen.

Den Job als Busfahrer bin ich fristlos los und bin wieder Poet. Und es geht weiter in den Dispo anstatt in die Disco. Und statt einer fettigen Busfahrerfrisur trag ich wieder Stoppeln nur.

12. Dezember 2013

Grau

Elefant.

8. Dezember 2013

Nachtclubverbot



Im Badezimmerradio folgen die Nachrichten. Eine der Meldungen handelt vom Nachtflugverbot am neuen Berliner Flughafen. Weil die Akustik aber durch die Klospülung verrauscht ist, verstehe ich nicht Nachtflugverbot, sondern Nachtclubverbot.

Wieso möchte denn da wer keinen Nachtclub am Flughafen? Wenn jemand den letzten Flug verpasst hat, wäre es doch praktisch, die Zeit bis zur nächsten Reisemöglichkeit mit dem Besuch eines Nachtclubs zu überbrücken.


Nach dem Frühstück rufe ich im Rathaus der Gemeinde Schönefeld an und die für Kultureinrichtungen zuständige Mitarbeiterin erklärt mir, dass in ihrer Gemeinde keine Nachtclubs geplant seien.

„Dann wird es aber Zeit, dass da mal jemand was plant!“ sage ich. „Marktlücken gehören gestopft!“ Spontan entschließe ich mich, demnächst am Flughafen einen Nachtclub zu eröffnen.

Ohne dass ich meiner Absicht schon hätte Taten folgen lassen, demonstrieren bald aufgebrachte Bewohner gegen meine Pläne. Eine Reporterin, die von der Demo berichtet, verfehlt das Thema und berichtet nicht, dass ein Nachtclubverbot gefordert wird, sondern ein Nacktflugverbot.

Nacktflugverbot? – Darüber regt sich nun aber eine Gruppe schwedischer Feministinnen auf. Die Frauen fliegen nach Berlin und steigen nackig aus dem Flugzeug und posieren auf der Gangway für die Fotografen.

Ein Sprecher von Scandinavian Airlines gibt bekannt, dass seine Fluggesellschaft darüber nachdenkt, einen Naked Friday einzuführen, an dem es auf ausgewählten Strecken erlaubt sein soll, unbekleidet an Bord zu gehen.

Das Rad der Zeitgeschichte entfernt sich zunehmend vom Ausgangspunkt der Story und in mir verblasst das Interesse an meinem Nachtclub. Ich wollte doch nur ein bisschen tanzen.

30. Oktober 2013

Frankfurt (Oder)

Früher wurde annektiert, einfach einmarschiert oder Krieg geführt. Heute wird das Herrschaftsgebiet anders erweitert; die Vorgänge nennen sich Wiedervereinigung, EU-Beitritt oder Länderfusion.

Statt die Bundesländer Berlin und Brandenburg zu fusionieren, könnte Brandenburg aber auch gevierteilt werden: Der einwohnerstarke Speckgürtel um Berlin wird dem Land Berlin einverleibt und der Rest zwischen Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen aufgeteilt.


Im dahinscheidenden Land Brandenburg allerdings muss mit Widerstand gerechnet werden. Der hartnäckigste Widerstand wird sich in Frankfurt (Oder) formieren. Statt sich zu entscheiden, ob sie von nun an zu Meckpomm oder zu Sachsen gehören wollen, erklären sich die Oderaner für unabhängig.

Unstimmigkeiten allerdings herrschen noch bei der Staatsform. Manche möchten eine Räterepublik installieren, andere wünschen sich anstelle einer Republik eine parlamentarische Monarchie und bieten Prinzessin Stéphanie von Monaco die Königinnenwürde an. Und dann gibt es noch ein Häuflein Nazis, das von einem Groß-Frankfurt phantasiert und polnische Gebiete auf der Ostseite der Oder heim ins Reich holen will.

Die provisorische Regierung Frankfurts residiert im Oderturm, einem 25-stöckigen Bürohochhaus, dem bislang einzigen Gebäude, das zur Skyline der Stadt zählt. An einem verregneten Montagvormittag evakuiert die Polizei das Gebäude, weil in der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt (Oder) ein Patient eingeliefert wurde, der sich Justin Jihad nennt und behauptet, der Oderturm würde bald von einem von Selbstmordattentätern entführten Flugzeug platt gemacht.

Statt eines Selbstmordattentäters landet jedoch Helmut Kohl mit einem Hubschrauber auf dem Oderturm und verspricht der zusammengelaufenen Menge blühende Landschaften. Die im Bahnhof von Frankfurt (Oder) einen Double Whopper essende Prinzessin Stéphanie von Monaco ist über Helmut Kohls Auftritt empört und krönt sich spontan selbst zur Königin – mit einer Pappkrone von Burger King. Und zur Nationalhymne erklärt wird der Song Irresistible, ein Hit aus Stéphanies kurzlebiger Musikkarriere in der 80ern.

20. Oktober 2013

Die Sonnenblumen sind tot.



Rietzneuendorf-Friedrichshof

19. Oktober 2013

9. Oktober 2013

Pilze sammeln



Der neue Retro-Trend im Herbst 2013 heißt Pilze sammeln. Dagegen ist Urban Gardening voll yesterday! Während die einen immer noch an ihrem Beet aufm Tempelhofer Feld rumzupfen, wollen andere längst das wahre Zurück-zur-Natur-Feeling und stromern durch die Wälder Brandenburgs. Aber Vorsicht! Eine Sprecherin des Kreiskrankenhauses in Beeskow, Landkreis Oder-Spree, erklärte, dass heute der erste Neuköllner Hipster mit einer Pilzvergiftung bei ihnen eingeliefert wurde. Und meine Mutter hat versehentlich einen das Bewusstsein erweiternden Drogenpilz gegessen und tanzt seit Tagen im Berghain.

28. September 2013

Krummer Wald



Gryfino

19. September 2013

Lieber einen Wal im Aquarium als eine Wahl im Lokal



Was soll ich bei der Wahl? Wenn ich was wähle, dann möchte ich zwischen guten Optionen wählen und nicht zwischen Scheiße, Kacke, Exkrementen und Fäkalien.

Ich erwäge, den Haribo-Wahl-O-Maten zu befragen: Mit verschlossenen Augen eine Tüte Haribo Goldbären bis auf den letzten Bären aufessen, der Farbe des letzten Bären eine politische Partei zuordnen und diese Partei angekreuzt und fertig.

Ich erreiche das Wahllokal. Das Wahllokal ist im sonstigen Leben eine Kita und an den Wänden im Flur sehe ich Marienkäfer über Marienkäfer. Mehr Marienbildnisse gibt es nicht einmal im Vatikan. Marienkäfer würden Christdemokraten wählen.

Und Kühe würden Künast wählen, wenn sie könnten.

Und Störche würden gar nicht wählen, weil sie im September längst auf dem Weg in den Süden sind.

Ich flüchte mich nach nebenan in einen Spätkauf. Mit zugekniffenen Augen stehe ich vorm Kühlschrank und erwische ein Beck’s Gold. Gelbe Farbe. Soll ich also die FDP wählen? – Danach trinke ich ein normales Beck’s. Grüne Flasche. Eine Schokolade aus der Ritter Sport-Kollektion wandert in meinen Mund. Geschmacksrichtung Marzipan. Die Verpackung ist rot. Bin ich jetzt auf SPD oder SED oder PDS oder Die Linke? – Ich sehe schwarz.

Nach kurzer Bewusstlosigkeit kommt ein Nachbar in den Laden, der auch nicht weiß, was er wählen soll. Aber er weiß, wo eine Wahlparty steigt. Fragt mich nicht, von welcher Partei die Party ist. Ich kann nur sagen, dass die Getränke umsonst sind und dass ich mit einem bärtigen Nachwuchspolitiker nach Hause gehe.

Ich liebe Wahlen! – Aber was spielt es für eine Rolle, wer am Ende gewinnt! Schwarz, gelb, grün, rot, dunkelrot. Die versprechen doch alle dasselbe: Mehr Reichtum! Mehr Frieden! Mehr Bildung! Mehr Schönheit! – Weiter so.

14. September 2013

Die FDP-Version von Modern Talking



You can win if you want!

15. August 2013

Mann mit Ohren



Chemiewerk Rüdersdorf

26. Mai 2013

Der Mietpreis ist eine Bierflaschenrechnung



Der Mietpreis richtet sich nicht bloß nach dem Standard einer Wohnung, sondern auch nach dem Standort. Folglich kann eine vergleichbare Wohnung in Ort A billiger bzw. teurer sein als in B. Das ist wie mit einer Flasche Bier: Bei Kaiser’s kostet eine 0,33-l-Flasche Beck’s mehr als bei Netto; im Spätkauf oder an der Tanke ist die Flasche noch teurer und im Restaurant oder im einem Club sowieso. Idealerweise hast du die Wahl, wo du dein Bier trinkst. Aber was ist, wenn dein Vermieter ankündigt, dich auf Edelpuff heraufzustufen, die Butze allerdings nach wie vor aussieht wie Aldi und du dir äußerstenfalls REWE leisten kannst?

23. Mai 2013

10. Mai 2013

Frühling lässt seinen blauen Sessel...



Frühling lässt seinen blauen Sessel wieder stellen auf die Wiese!

6. Mai 2013

Theater der Freundschaft



Die Dramaturgie der Zeit hat die Freundschaft hier wohl ein wenig in die Jahre kommen lassen.

Nauen

5. Mai 2013

KUCHENVISION



Es ist Sonntag und ich habe eine Kuchenvision!

Friedrichshain, Frankfurter Allee

19. April 2013

Uckermark Airlines



Uckermark Airlines fliegt sie bequem nach Prenzlau, Schwedt, Angermünde und in andere nordostbrandenburgische Metropolen!

11. April 2013

Dein Radweg küsst dich!



Kreuzberg, Hallesches Tor

8. April 2013

Margaret Thatcher

Bin auf den Tag genau 50 Jahre nach Margaret Thatcher geboren und frage mich nun angesichts ihres Ablebens, ob ich auch auf den Tag genau 50 Jahre nach ihr sterben werde? Einen Gin Tonic später bin ich jedoch der Ansicht, ich sollte mit Prognosen warten bis zum Tode Nana Mouskouris, denn die alte Hipsterbrille wurde ebenfalls an einem 13. Oktober geboren. Und „Weiße Rosen aus Athen“ sind mir zur Beerdigung lieber als eine konservative Betonfrisur, die mit ihrer Handtasche auf meinen Sarg eindrischt und krakeelt: „I want my money back!“.

Wessi go home



In einem Wald bei Philadelphia, einem brandenburgischen Dorf im Landkreis Oder-Spree, ist die Wessi-Feindlichkeit auch im Jahr 2013 noch tief verwurzelt.

7. April 2013

Beckers Bäckerei backt backend Backwaren



Sonst noch im Angebot: Schneiders Schneiderei, Webers Weberei und Bauers Bauernhof sowie Schiffers Schifffahrtsgesellschaft und Schreibers Schreibwarengeschäft. Und fast schon zu kreativ: Fischers Anglerbedarf und Fleischers Metzgerei.

4. April 2013

Warschauer Straße



In Berlin wird überall gespart: Auf den neuen Straßenschildern in der Warschauer Straße wurde ein Buchstabe weggelassen und die Straße heißt nun bloß noch Warchauer Straße.

1. April 2013

Horst Zahn



Hieße ich Horst Zahn, wäre ich nicht Facharzt für Allgemeinmedizin, sondern Zahnarzt!

31. März 2013

Doris Puder



Doris Puder, Friseur seit 1895 in Wusterwitz, ist die deutlich ältere Schwägerin von Hannelore Knopf, Schneiderin in Cahnsdorf. Und im Jahr 1895 war es wohl noch nicht üblich, Berufsbezeichnungen zu gendern.

28. März 2013

Basteltipp

Wie sich aus Flaggen homofeindlicher Gebiete ganz einfach eines dieser Gleichheitszeichen basteln lässt, die jetzt zur Unterstützung der Eheöffnung für Lesben und Schwule zahlreich auf Facebook kursieren. Nehmen Sie z.B. die Flagge der Türkischen Republik Nordzypern (der einzige Landstrich in Europa, wo Homosexualität noch verboten ist), kehren Sie die Farben um (Ketchup wird Majo, Majo wird Ketchup), dann entfernen Sie noch die beiden Zeichen in der Mitte und tünchen mit einem Textmarker die weißen Streifen rosa. Ebenso simpel geht es mit der polnischen Flagge: ein bisschen Geschnippel mit der Schere, dann wieder Textmarker und fertig!



UPDATE
Wohl um das Zerschneiden weiterer Flaggen zu verhindern, hat das Parlament Nordzyperns am 27.01.2014 Homosexualität entkriminalisiert.

23. März 2013

Die Krise als Chance?

Die Seniorin Inge Bröckelmann aus Rheda-Wiedenbrück hat Angst. Sie befürchtet, dass ihre Ersparnisse bald nach Zypern zwangstransferiert werden. Bröckelmanns Nachbarin Ursula Niewöhner habe bereits freiwillig die Patenschaft für eine Familie aus Nikosia übernommen. Und die Nikosianer hätten ein Foto des neuen Autos geschickt, das sie sich dank des Niewöhnerschen Geldes leisten konnten. „Aber die Ulla regt sich noch nicht einmal darüber auf!“ echauffiert sich Inge Bröckelmann. Habe doch der Sohn der Niewöhners durch den Kontakt nach Zypern ebendort endlich wieder einen Job als PR-Stratege gefunden. Er berät die Protestbewegung des Inselstaates und versucht, den Demonstranten nahezubringen, dass Nazi-Flaggen auf Transparenten ein No-Go sind. Niewöhners Alternativvorschläge: vorm Parlamentsgebäude Bunderkanzlerinnenvoodoopuppen aufspießen und alle zyprischen Transen laufen als Merkel-Lookalikes auf.

22. März 2013

Mahagoni

In der Tagesschau läuft Angela Merkel mit einer mahagonifarbenen Handtasche durchs Regierungsviertel und ich frage mich, was in der Tasche ist: Ein paar Butterbrote für die Pause, ein Zypern-Reiseführer (zum aufm Klo lesen) oder gar ein Nachthemd, falls die Rettung des Euros mal wieder länger dauert und sie anderswo nächtigen muss?

11. März 2013

Beige



Im Alter trägt mensch in Deutschland nur noch zwei Farben: schwarz bei Beerdigungen und die übrige Zeit beige. Allerdings ist kaum ein Rentner emanzipiert genug, die Farbe beige auch als beige zu definieren. Die Modeindustrie hat diese Problematik erkannt und wählt für Beigetöne Namen wie Elfenbein, bastfarben, Cappuccino, Milchkaffee, Creme, Irish Cream, Wiener Melange, Latte macchiato, Caffé latte oder Café au lait.

Oder neulich bei C&A. Meint die eine Seniorin zur anderen: „Du, soll ich die Jacke lieber in Wüstensand oder in Sanddüne nehmen?“

Aufgrund ihrer sanddünenen Farbgebung bekommt eine Seniorin, die häufig ihre Sexualpartner wechselt, gern den Spitznamen Wanderdüne verpasst.

Dass hierzulande sowohl Taxis als auch Senioren beige sind, ist ein Widerspruch: Taxis sind schnell, Senioren nicht.

Da auch Pasta größtenteils in beige gehalten ist, bezeichnen Italiener schlanke ältere Deutsche als Spaghetti, eine dicke ältere Deutsche als Fettuccine.

Und beigefarbene Kondome heißen in Italien Cannelloni.

Und Harald Glööckler hat Tangaslips entworfen, deren Farbe er nicht beige nennt, sondern Eierschale.

Als verdorrtes Steppengras umschreibt es der Poet. Auf Naturfarben tauft es der Jute-Freak. Und zum Gold der Prärie krönt es der Fremdenverkehrsverband von Nebraska. Doch beige bleibt beige.

Und beige ist die inoffizielle Farbe der CDU, deren Wahlprogramm wie ein unzählige Male wiedergekäuter Schokoriegel schmeckt.

In Irland hingegen schmeckt konservative Politik wie Baileys. Baileys ist beige mit Alkohol. Champagner ist auch beige mit Alkohol und noch mit blubbernden Bläschen dazu. In Frankreich trinken alle Politiker Champagner. Die Grünen jedoch nur, wenn er aus ökologischem Landbau stammt.

24. Februar 2013

23. Februar 2013

WEAR DICH



Bekloppter Name von Klamottengeschäft in Dessau:
Wenn sich niemand dagegen wehrt, wird der Name ewig währen.

18. Februar 2013

Warte bis der Hase sich selbst erschießt



Liebe Eltern, aus mir ist doch noch was geworden: Ich habe denselben akademischen Grad wie Annette Schavan, eine Frau, die immerhin einmal Bundesbildungsministerin war. Wie Annette Schavan könnte also auch ich Fördermittel an Bildungseinrichtungen verteilen.

Oder ich könnte der nächste Papst werden – bin ich es doch gewohnt, einem Publikum Geschichten über Fantasiegestalten vorzusetzen.

Flughäfen bauen kann ich ebenfalls – zumindest solche, von denen niemand erwartet, dass sie je eröffnet werden. Meine Person ist untrennbar verbunden mit den internationalen Großflughäfen von Bad Pyrmont, Waldkraiburg und Hoyerswerda.

Und wo wir gerade von Verkehrsprojekten sprechen, möchte ich noch mein Engagement in der Bahnpolitik erwähnen. Bei all dem Rummel um den Bahnhofsumbau in Stuttgart wird gern übersehen, dass ich in anderen Städten bereits verhindern konnte, dass Kopfbahnhöfe in Durchgangsbahnhöfe umgewandelt werden: in Wilhelmshaven, Cuxhaven, Kiel und Warnemünde.

Ich habe den Eurovision Song Contest genauso oft gewonnen wie Tina Turner, Cher, Madonna, Kylie Minogue und Britney Spears.

Und in der Siegerliste der Tour de France taucht mein Name ebenso häufig auf wie der von Lance Armstrong. Ich habe dies mit Alltags- und Freizeitradeln in Berlin und Brandenburg erreicht, ohne Bergwertungen, ohne nach Schweiß stinkende Trikots und ohne Dopingmittel.

Meine Amtszeit als König von England ist bisher exakt so lang wie die von Prince Charles.

Und was vielleicht nicht alle von euch wussten: Ich habe genauso viele Kinder geboren wie Angela Merkel. Den Fortbestand der Menschheit sichernde Maßnahmen sind mir wichtig. Deswegen schlafe ich gern mit Gynäkologen und mein Schlafzimmer ist rund und ich nenne es nicht Schlafzimmer, sondern Kreissaal.

Lebensleistungen sollten nicht allzu sehr in den Himmel gehoben werden. So spreche ich zum Beispiel selten darüber, dass ich seit Februar 2012 ebenso viel Macht besitze wie Christian Wulff.

Ich habe in meinem bisherigen Leben in etwa genauso viel geschissen wie David Beckham oder Robbie Williams. Wir drei sind Männer, die seit Mitte der 70er nahezu täglich Kot absondern.

Und 1989 habe ich die Mauer eingerissen – zwischen meinem Zimmer und dem Wohnzimmer, damit ich einen von Steinen und Mörtel befreiten Blick auf den Westfernseher hatte.

Später habe ich das Konzept von Frauentausch entwickelt. Eigentlich wollte ich bloß meine Mitbewohnerin loswerden, aber sind nicht die meisten der genialsten Erfindungen eher beiläufig geschehen?!

Liebe Eltern, aus mir ist doch noch was geworden. Ich kann alles, ohne alles dafür zu tun. Mein Wappentier ist der Igel und mein Motto lautet: Warte bis der Hase sich selbst erschießt.

13. Februar 2013

Volksbuchhandlung



Falls jemand in Treuenbrietzen (Landkreis Potsdam-Mittelmark) den real existierenden Sozialismus wiederbeleben möchte: Die örtliche Volksbuchhandlung steht leer und wartet auf Neubeplanwirtschaftung!

9. Februar 2013

POET



Schöneweide, Bärenquell-Brauerei

2. Februar 2013

Mülleimerschneemann



Friedrichshain, Warschauer Straße

28. Januar 2013

Jugend forscht



Unser Vater arbeitete als Schwimmmeister im städtischen Hallenbad und unsere Familie wohnte in der schwimmmeisterlichen Dienstwohnung.

An meinem 12. Geburtstag dann hielten mein Bruder und meine Schwester mich für alt genug, um mich in ihr großes Geheimnis einzuweihen. Sie zerrten mich in ihr Zimmer und schlossen die Tür ab. Mein Bruder führte in ein winziges Loch in der Wand eine Minikamera ein und verband die Kamera mit seinem Computer. Und auf dem Bildschirm schauten wir uns die Live-Übertragung der Ereignisse aus dem Raum jenseits der Wand an.

Da es sich bei dem Raum jenseits der Wand um die zum Hallenbad gehörende Sauna handelte, sahen wir nackte Menschen. Menschinnen, um genau zu sein, denn es war Frauentag. „Überall nackte Möpse!“ frohlockte meine Schwester. „Und die unrasierte Möse da vorne, das ist meine Mathelehrerin.“

Meines Bruders Hand verschwand in seiner Hose und er begann, mit seinem Schwanz zu spielen. Und meine Schwester begann, mit ihrer Muschi zu spielen. Und ich? Ich saß unbewegt zwischen den Onanierenden.

„Tom, weißt du nicht, was Wichsen ist?“ fragte mein Bruder.
„Vielleicht ist er doch noch zu jung“, überlegte meine Schwester.
„Ich bin überhaupt nicht zu jung“, stieß ich hervor. „Ich weiß bloß nicht, was ich an nackten Möpsen und Mösen finden soll.“
„Ach, so ist das“, erwiderte meine Schwester. „Wenn du nicht auf Möpse und Mösen stehst, musst du morgen wiederkommen. Dann ist Herrensauna.“

Vom folgenden Tag an war ich recht häufig im Zimmer meiner Geschwister anzutreffen und unsere Eltern freute es, dass sich die Kinder so gut miteinander verstanden.

Als ich 14 war, änderte sich die Wohnsituation. Mein Bruder verbrachte ein Jahr in Frankreich. Und meine Schwester zog mit der bereits erwähnten Mathelehrerin nach Köln.

Wenn Herrensauna war, lud ich jetzt meist die beiden anderen Schwulen aus meiner Jahrgangsstufe ein. Und die beiden anderen brachten bald noch weitere Jungs mit, die wiederum beim nächsten Mal ebenfalls weitere Gäste anschleppten.

Ich hätte ahnen müssen, dass ein Geheimnis, wenn es mit zu vielen Leuten geteilt wird, nicht mehr lange ein Geheimnis bleibt. Eines Tages klingelte die Polizei an der Wohnungstür und die Beamten nahmen meinem Computer und die Minikamera mit.

Meine Eltern wollten wissen, was ich mir denn bei einem solch voyeuristischen Verhalten nur gedacht hätte. Anstatt einer reflektierenden Antwort sagte ich lediglich, dass ich denke, dass ich mir in Zukunft zum Wichsen wohl gewisse Zeitschriften werde kaufen müssen. Woraufhin mir mein Vater einen Fuffi hinwarf und die Wohnung in Richtung Schwimmbad verließ. Im Schwimmbad dann erfuhr mein Vater, dass er vom Dienst suspendiert ist.

In der lokalen Presse wurde über den schwulen Spanner-Sohn des Schwimmmeisters ausgiebig berichtet. Die Beziehung meiner Schwester zu ihrer ehemaligen Mathelehrerin wurde ebenfalls ins Rampenlicht gezerrt. Ein angeblich existierendes Foto, auf dem mein gelenkiger Bruder es sich selbst französisch macht, wurde hingegen nicht veröffentlicht. Jene Aufnahme allerdings, auf der mein Vater mit einer Mitarbeiterin unter der Dusche knutscht, wurde abgedruckt. Was dazu führte, dass meine Mutter ihre Koffer packte und mit dem Familienauto davonfuhr.

Mein Vater verlor seine Stelle und wir mussten aus der Dienstwohnung raus und zogen nach Köln zu meiner Schwester und ihrer Mathelehrerin.

19. Januar 2013

Topmodel



Neuruppin

12. Januar 2013

MARS



Mars im Sternenbild des Galaxy Shopping Centers in Stettin

3. Dezember 2012

Unsere Väter

Hakans Vater erklärt meinem Vater: „Wenn unsere Söhne miteinander Sex haben, übernimmt mein Sohn selbstverständlich den aktiven Part. Und wer fickt, ist auch nicht schwul! Nur der, der gefickt wird, ist eine Schwuchtel.“

Daraufhin mein Vater: „Wollen Sie damit etwa sagen, mein Sohn hielte Ihrem Sohn sein Arschloch hin? Das kann überhaupt nicht sein! Mein Sohn hat in seiner Kindheit Fußball gespielt. Und ein Fußballer lässt sich nicht ficken!“

„Fußballer? Dass ich nicht lache! Ihr Sohn, die verweichlichte Rosette, nimmt an Dichterwettbewerben teil!“

„Und Ihr Sohn zwingt meinen Sohn dazu, sich den Eurovision Song Contest anzugucken!“

Hakan schiebt unsere Väter aus der Wohnung und empfiehlt: „Kühlt euch ab und kommt erst wieder, wenn ihr euch geeinigt habt, welcher von euren Söhnen denn nun welchen fickt.“

Nach drei Stunden kehren unsere Väter als dicke Kumpels zurück. Sie hätten mit Hilfe von Hakans Vaters Handy ganz viel Online-Recherche betrieben, erzählt mein Vater. „Und wisst ihr was“, sagt er, „wenn ihr beiden Jungs euch verpartnert und dann einer von euch stirbt, dann ist der andere berechtigt und verpflichtet, für die Bestattung des verstorbenen Lebenspartners zu sorgen.“

19. November 2012

Aktiv im Alter



Meine Mutter hat sich ein E-Bike gekauft. Ein E-Bike könnte von Weitem für ein gewöhnliches Fahrrad gehalten werden. Der Betrachter soll denken: „Ach, die ältere Dame ist aber noch fit, wenn sie so zügig den Hang hinaufradeln kann.“

Ein Fahrrad allein reicht vielen Senioren nicht aus, um Sportlichkeit zu demonstrieren. Sie wollen sich auch sportiv kleiden. Die Zahl alter Männer in engen Radlerhosen steigt stetig an. Und immer wieder sehe ich Outdoorjacken! Zum Supermarkt um die Ecke zu gehen, gilt für manchen Jack Wolfskin schon als Outdoortrip. Und für den Sonntagsspaziergang wird sich gerüstet wie für eine Polarexpedition!

Wer im Alter nicht gern Rad fährt, kann es mit Nordic Walking probieren. Eine Gruppe fideler Stöcker-Hildegards trifft sich z. B. immer dienstags im Volkspark Friedrichshain. Und donnerstags trainiert in meinem Schwimmbad ein Seniorenwasserballteam namens „The Inkontinentals“.

Und im Fitnessstudio meines Mitbewohners wird neuerdings Katasana angeboten, ein physiodynamischer Gesundheitssport. Katasana klingt ähnlich wie Catsan, das Katzenstreu. Bei Katasana wird vermutlich vorher Catsan auf den Boden gestreut, für den Fall, dass eine Kursteilnehmerin sich beim Turnen urinierend verhält.

Meine Mutter tituliert mich neuerdings als gerontophob. Und ich frage mich, woher sie solche Begriffe kennt. Als ich ihr vorgeworfen habe, xenophob zu sein, hat sie Wörter, die auf -phob enden, noch nicht verstanden.

Meine Mutter ist xenophob, weil sie für ihre Tante Anneliese eine Pflege-unterstützende Haushilfe aus Osteuropa engagiert hat. Die um politische Korrektheit bemühte Beschreibung „Pflege-unterstützende Haushilfe aus Osteuropa“ habe ich in einer Broschüre gelesen. Meine Mutter nennt Tante Annelieses Haushilfe schlicht „die Polin“.

„Die Polin kommt jetzt immer zu Tante Anneliese. Die Polin kriegt das auch ganz ordentlich hin. Und letzte Woche habe ich sogar mit Tante Anneliese und der Polin zusammen Tee getrunken.“

Noch kann sich meine Mutter einen „Aktiv im Alter“-Button an die Brust heften. Doch spätestens, wenn die Polin anklopft, beginnt das Alter der Passivität.

29. Oktober 2012

Bügeleisen



Meine Mutter fordert, dass ich sie am Wochenende besuche, aber dann heiratet bereits Hakans Cousine.

„Was hast du denn damit zu tun, wenn Hakans Cousine heiratet?“ wundert sich meine Mutter. „Die Türken stehen doch nicht so auf Homos!“

Ich entgegne, dass Hakans Cousine Dilek bis zu ihrer Geschlechtsangleichung Murat hieß und ihre Braut eine vollbusige schwedische Blondine sei.

„Nichtsdestotrotz kannst du da aber nicht mit ungebügeltem Hemd hingehen“, ermahnt mich meine Mutter. Und zwei Tage später erhalte ich von ihr ein Paket mit einem weißen Hemd und einem Bügeleisen drin.

Das weiße Hemd wasche ich zusammen mit meiner neuen roten Jogginghose, wonach mir das Hemd farblich schon viel besser gefällt. Aber was soll ich mit dem Bügeleisen?

Ein Bügeleisen benötige ich genauso wenig wie den Fön, den mir meine Mutter schon geschenkt hat. Und es hat eine Weile gedauert bis ich den Fön dennoch in meinen Alltag integrieren konnte. Inzwischen nehme ich ihn, um zum Backen die Butter schneller weich zu bekommen.

Und ausgelöst dadurch, dass die 3-jährige Tochter einer Freundin ihre Wachsmalstifte bei mir vergessen hat, beginne ich, auch mit dem Bügeleisen zu experimentieren. Ich stelle das Eisen an, schmiere ein wenig Wachsmalfarbe drauf und male nun in Minutenschnelle Landschaften. Mal in den Bergen, mal in der Tiefebene gelegen. Oder am Meer. Oder Mondlandschaften. Und als Hochzeitsgeschenk für Dilek und ihre schwedische Blondine erschaffe ich ein Triptychon: Auf das mittlere Bild modelliere ich die Silhouette von Berlin und links bzw. rechts davon lasse ich Stockholm und Istanbul entstehen.

Nach kurzer Zeit nur finde ich Bügeleisen so dermaßen toll, dass ich mir ein zweites zulege: ein Reisebügeleisen. Für einen Campingtrip durch England. Wenn ich morgens aus dem Zelt krieche und Hunger auf ein Full English Breakfast verspüre, stecke ich im Waschraum das Bügeleisen in eine Steckdose. Ein bisschen Öl zum Brutzeln bringen, dann ein paar Streifen Speck draufgelegt und noch welche von diesen kleinen Würstchen. Und zuletzt ein Ei drauf braten.

Und wer es jetzt eher vegetarisch mag, dem sei gesagt: Tofu kann das Bügeleisen auch!

22. Oktober 2012

Jobsuche

Guten Tag, ich suche einen Job. Nicht unbedingt für immer, aber immerhin für die nächste Zeit.

Ich kann Texte verfassen – fiktionaler und non-fiktionaler Natur. Ich kann Kurzprosa und Gedichte schreiben, satirische Texte und Kommentare, auch Pressetexte, Werbetexte, Reportagen, Berichte und Anleitungen wie sich mensch zu Hause eine Dauerwelle selbst legt oder wie sich ein Kleiderschrank aufbauen lässt. Und ganz besonders gern würde ich für nach Mitarbeitern suchende Arbeitgeber Jobanzeigen entwerfen. Häufig, wenn ich mir Jobangebote durchlese, verstehe ich gar nicht, was los ist.

Ein Beispiel aus einem Berliner Stadtmagazin:

„Suchen engagierte, zuverlässige Mitarbeiterin im Baubüro der Firma Schwedenplatte aus Berlin-Weißensee.“

Da frage ich mich doch: Für welche Tätigkeit genau wird denn da eine Mitarbeiterin gesucht? Und vor allem: Was ist eine Schwedenplatte? – Ein schwedischer Plattenbau? Oder eine schwedische Wurstplatte? Oder eine Schallplatte mit schwedischer Musik? – Weil es sich laut Anzeige um ein Baubüro handelt, tippe ich auf Plattenbau. Benötigt die Mitarbeiterin also fundierte Kenntnisse der DDR-Architektur? Soll sie Baupläne zeichnen oder einfach nur hübsch aussehen? Oder schwedisch sprechen können? Oder auf schwedisch stenografieren können? Oder schwedische Gardinen an die Fenster des Plattenbaus hängen?

Ich erwäge, eine Agentur aufzumachen, die solchen Leuten gescheite Jobanzeigen schreibt.

Ansonsten bin ich gern für Moderationsjobs zu haben, nicht nur für Moderationen von Poetry Slams und Lesebühnen, sondern ich kann auch die alljährliche Preisverleihung bei der Rassekaninchenshow in Gummersbach präsentieren oder die Weihnachtsfeier des Seniorenstifts Waldfrieden in Bad Liebenwerda.

Ich preise auch gern Produkte an und habe kein Problem damit, vor laufender Kamera stundenlang Dünnschiss zu reden. Anders ausgedrückt: Ich bin der perfekte Moderator für 9Live. „Ja, warum ruft denn noch keiner an? Das ist doch heute wirklich nicht so schwer herauszufinden, um welches Kunstwerk es sich bei unserem heutigen Gewinnspiel handelt. Ja, das kann doch nicht sein, dass da keiner anruft. Schauen Sie doch noch einmal ganz genau hin und greifen dann zum Hörer! Ich sitze hier und warte auf Ihren Anruf. Ja, warum ruft denn noch keiner an? Das kann doch nicht sein!“

Ebenfalls lasse ich mich für Nacktfotoshootings buchen, für Coffee Table Books mit Fotos von stark behaarten Männer drin, allerdings nur für den asiatischen Markt. Wer mich hier in der Heimat begutachten möchte, soll sich in einem Berliner Schwimmbad auf die Lauer legen.

Womit wir beim Thema Sport wären: Ich gehe viermal die Woche schwimmen, habe aber trotzdem eine Wampe. Des Weiteren lege ich meine Wege meist per Rad zurück, was sowohl zu strammen Waden als auch zu guten Ortskenntnissen in der Bundesländern Berlin und Brandenburg geführt hat.

Seit 2005 arbeite ich als Stadtführer und freue mich darauf, bald auch Sie durch die Stadt führen zu können.

Zudem bin ich selbsternannter Experte für Seifenopern aus den 80ern. Und ich kann Ihre Party beschallen mit einem DJ-Set aus den Genres Schlager und Eurovision Song Contest.

Kann sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache sprechen, schreiben und lesen. Und für potentielle Arbeitgeber aus dem norddeutschen Raum möchte ich anfügen, dass ich im Bezug auf die plattdeutsche Sprache immerhin ein gutes Leseverständnis aufweise.

Aus Sicherheitsgründen möchte ich nur in Ländern arbeiten, in denen Homosexualität legalisiert ist. Bloß weil ich ein paar Schichten lang in einer Rumproduktionsfirma auf Jamaika jobbe und in der Pause mit einem Kollegen anbändele, möchte ich nicht gleich gefoltert und zu zehn Jahren Haft oder Zwangsarbeit verurteilt werden.

Abschließend möchte ich mich an Sportbekleidung herstellende Firmen wenden: Liebe Sportbekleidungshersteller, liebend gern würde ich Ihnen als Markenbotschafter für Jogginghosen zur Verfügung stehen, um somit den Absatz an Jogginghosen auch bei Kunden mit höherem Bildungsniveau rapide anzukurbeln.

Sollten Sie einen Job für mich haben, kontaktieren Sie mich unter tom.mars[at]gmx.de oder rufen Sie an: 0178-7156107.

15. Oktober 2012

Die Partygirls vom Prenzlauer Berg

Ein Artikel, der im Jahr 2015 in einem Berliner Stadtmagazin erscheinen wird.



Auch die Kinder vom Prenzlauer Berg entwickeln sich unweigerlich zu Teenagern. Ihr Bruder geht gerade mal in die 3. Klasse, doch Belinda steht bereits kurz vor ihrem 16. Geburtstag. Jeden Freitag holt ihre Mutter sie aus der Lüneburger Heide ab, wo Belinda seit letztem Schuljahr auf ein Internat geht.

„Meine Eltern sind der Ansicht, dass meine Talente auf einer normalen Schule nicht ausreichend gefördert werden“, erzählt Belinda, als ich sie am späten Freitagnachmittag in einem Café im Bötzowviertel treffe.

Als ich frage, was denn ihre Talente seien, kramt sie eine CD aus ihrer Handtasche. Es handelt sich um das Debütalbum einer Punkband, dessen Sängerin Belinda ist. Die CD ist bei einem kleinen Label erschienen, dass von Schülern eines Prenzlauer Berger Gymnasiums betrieben wird. Die Band nennt sich „Die gentrifizierten Fotzen“.

Belinda räumt ein, dass ihre Eltern weder den Bandnamen kennen geschweige denn überhaupt von der Existenz der Band wissen. Ihre Eltern würden sich furchtbar aufregen, sagt Belinda, wenn sie erführen, dass all der Klavier- und Geigenunterricht, den sie ihrer Tochter haben angedeihen lassen, keine dauerhaften Früchte getragen habe.

Die Tür öffnet sich und Belindas beste Freundin Elouise tritt ein. Elouise kommt gerade vom Japanischunterricht. „Es kann sein, dass meine Familie bald für ein Jahr nach Tokio zieht“, erklärt Elouise. Aber eigentlich habe sie auf Tokio gar keine Lust, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr Leben in Tokio genauso spannend wäre wie in Berlin.

Belinda wird heute bei Elouise übernachten, weil Elouises Eltern übers Wochenende nach Barcelona geflogen sind. Davon dass Elouise sturmfrei hat, wissen Belindas Eltern allerdings nichts und davon dass die beiden Mädchen eine Party planen – davon wissen weder die einen noch die anderen Eltern etwas.

„Ich glaub, unsere Eltern können sich höchstens vorstellen, dass wir eine Pyjamaparty machen“, kichert Elouise und lästert im Anschluss über ihre Mutter: „Meine Mutter ist eine vertrocknete Kaktusblüte, die in Böblingen aufgewachsen ist. Dort hat ihr nie jemand beigebracht, was es bedeutet, richtig Spaß zu haben.“

Die Mädchen werden von zwei Jungs aus Belindas Band abgeholt, die sich bereit erklärt haben, beim Getränke schleppen zu helfen. Elouise meint, ich solle doch gegen Mitternacht vorbeikommen, dann sei die Party in vollem Gange.

Doch als ich um Mitternacht die angegebene Adresse erreiche, stehen die Jugendlichen bereits vor der Haustür. Die Polizei wäre schon zweimal da gewesen, berichtet Belinda, weswegen sie jetzt lieber abhauen und in einen Club fahren. Vor uns hält ein erstes Taxi, bald darauf noch eins und noch eins und noch weitere und Wagen für Wagen leert sich der Bürgersteig.

Das Ziel ist eine illegale Location im Keller eines Plattenbaus nahe der Storkower Straße. Die Decke ist niedrig, die Luft stickig, die Musik elektronisch. Ich höre unterschiedliche Sprachen um mich herum und Elouise sagt, dass heute Abend viele Austauschschüler hier seien. Aufgrund von Fremdsprachenunterricht von frühester Kindheit an haben Belinda und Elouise keine Schwierigkeiten, mit den Austauschschülern anzubandeln. Belinda flirtet mit einem Italiener und Elouise verschwindet mit einem Brasilianer nach draußen.

Nach etwa einer Stunde kehrt Elouise allein zurück und meint, der Brasilianer habe noch woandershin gewollt. Und alsbald unterhält sie sich mit dem englischen Cousin einer Mitschülerin, der übers Wochenende zu Besuch in Berlin ist.

Während der Engländer an der Bar neue Getränke ordert, tuschelt Elouise mir zu, dass sie sich als überdurchschnittlich an sexuellen Kontakten interessiert empfindet. „Laut meiner Lebensberaterin kommt das vermutlich daher, dass meine Mutter mich solange gestillt hat bis ich auch wirklich den allerletzten Tropfen Milch aus ihr rausgesaugt hatte.“

Um drei Uhr verlassen Belinda und Elouise den Club. Während sich Belinda mit einer Gruppe von italienischen Austauschschülern noch in eine Bar nach Friedrichshain aufmacht, fährt Elouise mit dem Engländer zu sich nach Hause.

Sie habe sich in den Engländer verliebt, schwärmt Elouise, als ich sie ein paar Tage später zufällig an einer Tram-Haltestelle wiedersehe. Sie erwägt nun, ein Schuljahr in England zu verbringen. „Auf jeden Fall ist England cooler als Tokio!“ findet Elouise. Außerdem ginge Belinda vielleicht auch demnächst für ein Jahr nach England. Nachdem Belindas Eltern inzwischen von den musikalischen Aktivitäten ihrer Tochter erfahren haben, möchten sie sie gern ins Ausland schicken. Und ich muss Elouise zustimmen, dass Belindas Eltern „echt bescheuert“ sind, denn wer schickt schon eine Punksängerin, um sie vom Punk kurieren zu wollen, ausgerechnet nach England!

17. September 2012

Outback Pride

Du bist vielleicht schon zum CSD nach Berlin, Hamburg, München oder Köln gereist. Aber stell dir vor, du würdest stattdessen nach Altötting, Oberammergau, Hoyerswerda und Cloppenburg fahren, um dich über die dortige Lebenssituation von Homosexuellen zu informieren und ihre Lage verbessern zu wollen.

Dieser Artikel handelt von Daniel Witthaus, 36, der im Jahr 2010 die große Stadt hinter sich ließ und sich in einem auf den Namen Bruce getauften Geländewagen ins Hinterland aufmachte. Allerdings nicht in Deutschland, sondern in Australien. Für 38 Wochen verabschiedete sich Daniel von Melbourne und begab sich an Orte, die Namen tragen wie Mount Isa, Broken Hill, Alice Springs oder Broome. Seine Mutter war überzeugt, dass ihrem Sohn Schaden zugefügt werden würde, und wollte nicht, dass er fährt.


Ich treffe ihn unversehrt während eines halbjährigen Aufenthalts in Berlin, wo er gerade ein Buch über seine Tour schreibt. „Ich bin in Berlin viel entspannter und kann produktiver arbeiten als in Australien, wo ich eher ein Workaholic bin.“

Das erste Mal besuchte er Deutschland im Jahr 2001, dann erneut 2005 und seitdem kam er mit Ausnahme von 2010 jedes Jahr her. Beim ersten Aufenthalt fuhr er auch an die Ostsee nach Eckernförde, wo sein Vater geboren wurde, die Stadt aber als 4-Jähriger gen Australien verließ. „Ich wollte sehen, wo mein Vater aufgewachsen ist“, erzählt Daniel, „aber ich fand heraus, dass das Haus abgerissen wurde und sich dort nun der Parkplatz eines Baumarkts befindet.“

Als er von Mitte 2006 bis Mitte 2007 beinahe ein ganzes Jahr in Berlin verbrachte, verfasste er sein erstes Buch Beyond ‘That’s So Gay’. Das ist so schwul – dieser negativ konnotierte Ausspruch gehört zu den am häufigsten gebrauchten Sätzen an Schulen, nicht nur in Australien, sondern auch anderswo in der Welt. In dem Buch verarbeitete Daniel seine bis dato bereits zehn Jahre umfassenden Erfahrungen mit der Arbeit an Sekundarschulen. Um die Haltung der Schüler gegenüber Lesben und Schwulen spürbar zu verändern, reiche es bereits aus, sich für das Thema sechs Wochen lang jeweils eine Stunde Unterrichtszeit zu nehmen.

“Viele Leute glauben, in meinem Programm ginge es im Wesentlichen um sechs Wochen Analsexunterricht und wenn sie merken, dass dem nicht so ist, lassen sie mich in ihre Schule.“

Einen solchen Satz sagte Daniel auch im Fernsehen und schrieb damit TV-Geschichte als derjenige, der als Erster im australischen Fernsehen den Begriff anal sex benutzte. Bei seiner Arbeit steht nicht Sexualaufklärung im Vordergrund, sondern der Fokus ist gerichtet auf die Bekämpfung von Homophobie und die Verbesserung der Lebensqualität von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.

Wann er zum ersten Mal in seinem Leben etwas Homophobes um ihn herum wahrgenommen habe, möchte ich wissen. Und Daniel sagt, dass sein Vater stets feindselig reagierte, wenn Sänger wie Prince und Michael Jackson im Radio zu hören waren. „Ich wusste nicht wirklich, warum er sie so sehr hasste, aber als ich älter wurde, hab ich realisiert, was es war.“ Interessanterweise wurde ein Künstler von Daniels Vater niemals mit schwulenfeindlichen Äußerungen bedacht: Elton John.

Aufgewachsen ist Daniel in Geelong, einer Hafenstadt im Bundesstaat Victoria. In Geelong leitete er eine schwul-lesbische Jugendgruppe und die Berichte über den Schulalltag fielen unterm Strich allesamt negativ aus. „Nach einer Weile fand ich einfach, dass es nicht ausreicht zu sagen: Ich hoffe, dass du in der nächsten Woche nicht schikaniert wirst oder dass dich die Lehrer unterstützen. Ich war es überdrüssig, die Schüler in solche Situationen zurückzuschicken. So entschied ich, mit Schulen zusammenzuarbeiten. Ich habe niemals geglaubt, dass ich großen Erfolg haben würde. Es bedurfte vieler kleiner Schritte und wie es scheint, hat es funktioniert.“

Als er 22 Jahre alt war, erklärte ihm sein damaliger Freund, dass er Schluss macht, wenn Daniel ihm nicht nach Melbourne folgt. Daniel verlegte seinen Wohnsitz in die zweitgrößte Stadt Australiens und Melbourne ist seine Basis geblieben, auch wenn die Beziehung seinerzeit bald vorbei war.

Auf seiner Tour durch die abgelegenen Winkel des australischen Kontinents hörte Daniel in vielen Gesprächen, dass Schwule und Lesben vor allem deshalb ihren angestammten Ort verlassen, weil sie im Outback nicht sie selbst sein können bzw. keine Chance sehen, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Andererseits gibt es Menschen, die von der Stadt dorthin zurückkehren, wo sie geboren und aufgewachsen sind, weil sie ihre Familie und ihre Freunde und die vertraute Umgebung vermisst haben. Von den homosexuellen Menschen, die Daniel auf seiner Reise traf, ging es denjenigen am besten, die sich für ihre Gemeinde engagierten. Engagement würde gewürdigt und die Tatsache, dass jemand schwul oder lesbisch ist, spiele dabei eine untergeordnete Rolle. „Aber wenn du als Schwuler oder Lesbe nichts zur Gemeinschaft beiträgst und unbeliebt bist, dann hast du ein Problem.“

Ist die Bevölkerung im Outback homophober als in Melbourne oder Sydney? – „In einer Stadt sind die Leute zurückhaltender, was ihre Homophobie anbelangt. Auf dem Land sind sie unverhohlener, was nicht bedeutet, dass sie homophober sind. Ich denke, Stadt und Land haben in puncto Homophobie mehr gemeinsam als wahrgenommen wird.“

Pro Tourstopp plante Daniel eine Woche ein. Für gewöhnlich kam er am Montag an und sein erster Weg führte ihn in der Regel zu McDonalds, weil die Fastfood-Kette meist die einzige Möglichkeit bot, wireless ins Internet gehen zu können. Dort googelte er nach Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern, Polizeistationen und Beratungsstellen und dann begann er die Institutionen abzutelefonieren, um sich mit den Verantwortlichen für ein Gespräch von 15 bis 20 Minuten Dauer zu verabreden. Auch im hintersten Australien geben sich die Leute gern beschäftigt und haben keine Zeit. Für ein Zusammentreffen, das nicht länger als eine Tasse Tee dauern soll, ist ein Großteil jedoch bereit.

„Ich wusste, dass ich länger als 15 oder 20 Minuten brauchen würde, aber wenn du einmal anfängst mit Leuten zu reden, wird ihr Interesse geweckt, und mit den meisten habe ich für 60 bis 90 Minuten gesprochen.“

Am schwierigsten war es, die jeweils ersten Gesprächspartner von einem Treffen zu überzeugen. Daniel räumt ein, dass er die Montage gehasst hat. „Die Menschen um mich herum denken, ich wäre extrovertiert, aber eigentlich bin ich eine sehr schüchterne, introvertierte Person. Und montags musste ich komplett fremde Menschen anrufen und sie bitten, eine Tasse Tee mit mir zu trinken.“ Hatte er jedoch einmal einen Fuß in der Tür, wurden ihm weitere Personen empfohlen und vorgestellt.

Pro Woche kam Daniel auf 15 bis 20 Personen, die er zum Tee traf. In 38 Wochen macht das… „Mehrere hundert Tassen“, überschlage ich und erlöse uns vom Kopfrechnen.

Um abzuschalten und sich zu entspannen, spielt Daniel so oft er kann Tennis. Und beim Thema Tennis tut sich eine weitere Verbindung zu Deutschland auf: Als Heranwachsender war er besessen von Steffi Graf. Nach einem Interview in Melbourne im Jahr 1994 ging sie in die Menge und nachdem sie ein Poster für ihn signiert hatte, wurde sie von dem damals 17-jährigen Daniel gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. „Sie wurde rot und hat mir bis jetzt nicht geantwortet, weswegen ich denke, dass ich noch immer eine Chance hab…“

In absehbarer Zeit wird Daniel voraussichtlich nicht so schnell wieder nach Deutschland kommen, weil er für die nächsten drei bis fünf Jahre damit beschäftigt sein wird, eine Einrichtung namens National Institute of Challenging Homophobia Education (N.I.C.H.E.) aufzubauen. „Momentan sind in Australien die Kräfte auf die Gleichstellung der Ehe ausgerichtet. Aber selbst wenn wir dieses Ziel in ein oder zwei Jahren erreichen, wird von der Homophobie noch etwas übrig sein.“

Der Schlüssel liegt im Gespräch. „Ich kann zigmal durchs Land fahren, aber ohne dass die Bevölkerung beginnt miteinander zu reden, wird sich nichts ändern.“ Auch wenn sie Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender unterstützen möchten, wissen Daniels Beobachtungen nach viele Menschen nicht, wie sie dies in ihrem Alltag umsetzen können. Hier möchte er Abhilfe schaffen und den Leuten etwas in die Hand geben.

„Der beste Weg, um Homophobie zu bekämpfen, ist, wenn sich eine nahe stehende Person outet und ein greifbares Beispiel darstellt. Je öfter dies im Alltagsleben geschieht, desto weniger braucht es jemanden wie mich.“

Das Ziel des Aktivisten ist es also, sich durch seine Arbeit überflüssig zu machen!


Mehr über Daniel Witthaus unter: www.thatssogay.com.au

6. September 2012

31. August 2012

Verkehrsgünstig gelegene Toilette



Gut, wenn das Ziel leicht zu erreichen ist!

Ehem. Kinderkrankenhaus Weißensee, Hansastraße

20. Juli 2012

Praliné Türkiyé

Aus Freude darüber, dass ihr Sohn einen solch netten Boyfriend wie mich gefunden hat, hat uns Hakans Mutter einen Gutschein geschenkt. Einen Gutschein für einen Pralinenselbstmachkurs in der Confiserie Mélanie. – Confiserie Mélanie! Confiserie Mélanie hört sich genauso bekloppt an wie „Dileks Dreck weg“ – die Reinigungsfirma von Hakans Cousine.

Der Pralinenkurs entwickelt sich besser als gedacht, denn wir haben die Möglichkeit, auch Pralinen mit Alkohol drin herzustellen. Erlesene Liköre und Schnäpse tröpfeln die übrigen Teilnehmer in ihre windschiefen Pralinen. Ich hingegen trinke die Liköre und die Schnäpse pur und vernachlässige die Pralinen.

Kennen gelernt habe ich Hakan in einem Nähkurs im Nähinstitut Linkle. Und analog dazu, dass ich im Pralinenkurs keine Praline hingekriegt hab, hab ich im Nähkurs die anvisierte Sommerhose nicht fertig gestellt. Und anstatt Alkohol zu konsumieren, hab ich im Nähkurs am Nähmaschinenöl geschnüffelt.

Ich bin ein an Rauschmitteln interessierter Versager. Und Hakan ist ein Deutscher mit türkischem Familienhintergrund, der noch nie in der Türkei war und findet, dass die Türkei in der EU nichts zu suchen hat.

Hakan ist wie Angela Merkel. Angela Merkel sagt: „Privilegierte Partnerschaft: ja. Beitritt zur EU: nein!“ – Hakan sagt: „Privilegierte Partnerschaft: ja. Wir beide zusammenziehen: nein!“

Ich fühle mich gekränkt. Und drohe Hakan mit meinen großen Brüdern, falls er nicht mit mir zusammenzieht.

Ich könne nicht mal glaubhaft mit meiner Mudda drohen, gibt Hakan zurück. Das letzte Mal, dass wir meine Mutter sahen, war sie im Fernsehen – in einer Dokumentation über Eltern schwuler Kinder. Meine Mutter hat sich auf ihrer Terrasse filmen lassen und gesagt: „Uch, ich war schon sehr schockiert, als mein Sohn mir mitgeteilt hat, dass sein Partner ebenfalls homosexuell veranlagt ist.“

Tja… Ich sende meiner Mutter ein Päckchen mit jenen Pralinen drin, die Hakan in der Confiserie Mélanie gefertigt hat – auf dass die alte Kuh noch mehr gemästet wird als sie sich eh schon selbst mästet!

18. Juni 2012

Endlich...

Es ist doch noch was aus mir geworden: Ich hab jetzt meinen eigenen Puff!