8. Februar 2017

Mittelfelder Kurier #6: Die Marine Le Pen von Mittelfeld



Die Offene Schule, jüngste Bildungsinitiative des Kultusministeriums, ermöglicht es Eltern und Großeltern, gemeinsam mit ihren Sprösslingen am Schulunterricht teilzunehmen.

Die erste Mittelfelderin, die die neue Chance nutzt, ist Marianne Bokel, Leiterin des örtlichen Seniorenwohnheims. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Frauke sitzt sie dreimal wöchentlich im Französischunterricht.

Die Lehrerin, diese linksversiffte Ökoschlunze, gefällt mir zwar nicht, sagt Marianne Bokel, aber leider ist sie hier in der Gegend das einzige Subjekt, das Französisch kann.

Nach ihrer Motivation gefragt, antwortet Marianne Bokel, ihrem Idol näher sein zu wollen, der französischen Politikerin Marine Le Pen (Front National). Zukünftig will ich Madame Le Pens Facebook-Postings und Twitter-Tweets lesen können, erklärt Marianne Bokel.

Dem Mittelfelder Kurier gegenüber hat die zuständige Lehrerin Dorit Kersting eine vorläufige Beurteilung der neuen Schülerin abgegeben: Frau Bokel fällt es schwer, sich auf den Unterricht einzulassen. Anstatt Schritt für Schritt die Grundlagen der französischen Sprache zu erlernen, interessiert sie sich vor allem für die Übersetzung rechtspopulistischer Parolen. Aufgrund mangelnder Integrationsbereitschaft werde Marianne Bokel der Gastschülerinnenstatus wohl bald entzogen werden müssen.


Mittelfelder Kurier – aus Mittelfeld für Mittelfeld, wo die Welt noch zusammenhält

29. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #5: Tante Emma 2.0



Inspiriert von einem Berlin-Trip hat Emma Schmitz ihren Gemischtwarenladen umgestaltet. Vorn im Laden gibt es nun eine Sofaecke zum Getränke konsumieren. Damit, so die Ladenbesitzerin, wolle sie die Lücke schließen, die durch den Niedergang jeglicher lokaler Gastronomie entstanden sei. Aus den Lautsprechern erklingt elektronische Musik und ein bislang ungenutztes Hinterzimmer möchte Emma Schmitz künftig via Airbnb an Touristen vermieten.

Die Reaktionen auf die Neuerungen fallen unterschiedlich aus. Der Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, Winfried Hagemann, bezeichnet die neue Version des Tante-Emma-Ladens als weiteres Indiz für Mittelfelds zunehmenden Sittenverfall.

Die Lehrerin Dorit Kersting hingegen ist begeistert und möchte im Laden gern Konzerte und Lesungen veranstalten und auch Vorträge über vegane Ernährung halten. Und Dorit Kerstings Mitbewohner, Amir Barakat, einziger in Mittelfeld ansässiger Geflüchteter, freut sich, dass es im Ort endlich einen Club gibt. Er nennt Emma Schmitz’ Laden das Berghain von Mittelfeld.

Bokels Familie gefährdet sei. Handelte es sich bei dem ersten Interessenten, der in dem Hinterzimmer übernachten wollte, doch um Marianne Bokels Vater, Dietrich Bokel, der aus dem Seniorenheim ausgebüxt war, mit der Begründung, seine Tochter sei unerträglich dumm und wisse nicht, von wann bis wann Fidel Castro Reichskanzler war.


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23. Januar 2017

Twitterkratie

Twit|ter|kra|tie (die) (engl./griech.) Herrschaftsform, in der Regierende mit dem Volk über Mikrobloggingdienste kommunizieren

22. Januar 2017

20. Januar 2017

So feiert Abraham Lincoln Donald Trumps Amtseinführung



Ex-Präsident Abraham Lincoln feiert die Amtseinführung des neuen Präsidenten Donald Trump nicht in Washington, sondern an einem Backsteinpfeiler in Berlin-Schöneberg.

18. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #4: Die Alten wandern ab



Während es andernorts die jungen Leute sind, die ländliche Regionen verlassen, sind es in Mittelfeld die alten Menschen, die abwandern.

Wenn ich in ein paar Jahren zum letzten Mal meinen Laden abgeschlossen hab, ziehe ich gleich tags drauf nach Göttingen oder Kassel oder gar nach Berlin, sagt Emma Schmitz, Besitzerin von Mittelfelds Gemischtwarenladen. Wenn ich nicht weggehe, lande ich am Ende noch bei der Bokel im Altenheim, bei der Bokel, dieser Nazischickse.

Marianne Bokel räumt in einem Telefonat mit dem Mittelfelder Kurier ein, in ihrem Seniorenheim Nachwuchsprobleme zu haben. Diese blöde Schmitz, diese ignorante Tante Emma vom Gemischtwarenladen, ist nicht die Einzige, die abhauen will, berichtet Marianne Bokel. Und wenn die Alten nicht bis zum Tod in Mittelfeld blieben, beschädige dies die hiesige Wirtschaftsordnung. Aufgrund der ungenutzten Heimplätze habe ich bereits eine Mitarbeiterin entlassen müssen, beklagt sich Marianne Bokel.

Und auch ihre Nichte Marion Bokel, Chefin des ortsansässigen Bestattungsunternehmens, fühlt sich von der sinkenden Seniorenzahl negativ betroffen. Zitat Marion Bokel: Erst bleiben die Seniorenheimzimmer leer und dann die Särge.

Im Kontrast dazu verzeichnet Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, keinen Rückgang an gefüllten Särgen. Die Zahl der Beerdigungen liege in seiner Gemeinde genauso wie die Summe der Gemeindemitglieder seit Jahren konstant bei Null.


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6. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #3: Ost oder West?



Eine Frage, die unsere Leserschaft umtreibt, lautet: Liegt Mittelfeld im Osten oder Westen Deutschlands? – Der Mittelfelder Kurier hat sich auf Recherche begeben.

Zuerst treffen wir Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Er bittet uns zum Interview in den Beichtstuhl, für den er aus Mangel an Gemeindemitgliedern sonst keine Verwendung hat. Der Pfarrer berichtet, momentan intensiv der Frage nachzugehen, welchem Bistum eigentlich seine Gemeinde angehört, weswegen ihm für solch weltliche Fragen wie nach Ost oder West die Kapazität fehle.

Unsere nächste Gesprächspartnerin ist Dorit Kersting. Die frisch mit dem Mittelfelder Gutmensch-Award ausgezeichnete Lehrerin sollte es als Bildungsvermittlerin doch wissen: Ost oder West, Frau Kersting? – Die Mittdreißigerin winkt ab. Ich mag nicht in Labels denken, sagt sie. Ost oder West, Nord oder Süd – mit solchen Einordnungen befasse ich mich nicht. Am Ende des Gesprächs aber lässt sie sich immerhin zu dem Statement hinreißen, dass Mittelfeld vermutlich in der Mitte Deutschlands zu verorten sei.

Im Anschluss haben wir einen Termin bei Marianne Bokel, der Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Frau Bokel, die Alten um Sie herum, die meist ihr ganzes Leben in Mittelfeld verbracht haben, müssten den Ort doch ohne zu zögern dem Osten oder dem Westen zuweisen können. – Marianne Bokel schüttelt den Kopf. Da erwarten Sie zu viel von unseren Bewohnern, meint sie und stellt uns ihren fast 90-jährigen Vater Dietrich Bokel vor, der einst Bürgermeister von Mittelfeld war, politisch weit rechtsaußen gekickt hat, heute aber nicht mehr Adolf Hitler von Fidel Castro unterscheiden kann.

Nach dem Seniorenheim besuchen wir den Gemischtwarenladen von Emma Schmitz, die von den Kunden liebevoll Tante Emma genannt wird. Nach sieben Schnäpsen räumt sie ein, als IM Mittelfeldspielerin für die Stasi gespitzelt zu haben. Aber als IM war ich doch nicht in alles eingeweiht, sagt Tante Emma. Die Oberen hätten niemals durchblicken lassen, ob Mittelfeld im Osten und Westen läge.

Draußen vorm Laden begegnet uns Amir Barakat, Mittelfelds erster und bislang einziger Asylbewerber. Exklusiv fragen wir den Neubürger nach seiner Einschätzung: Befindet sich Mittelfeld im Osten oder Westen? – Der junge Mann antwortet, dass er Ostern besser findet als Western.


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2. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #2: Nafri-Kontrollen in Mittelfeld



Wie erst heute bekannt wurde, wurden in der Silvesternacht auch in Mittelfeld nordafrikanisch aussehende Männer kontrolliert. Die Kontrollen wurden allerdings nicht wie in Köln von der Polizei durchgeführt, sondern von der Mittelfelder Gefahrenabwehr (MGA), einer erst kürzlich gegründeten Bürgerwehr.

Die Polizei zeigt in Mittelfeld ja nur selten Präsenz, klagt Marianne Bokel, Betreiberin des örtlichen Seniorenwohnheims und Generälin der Bürgerwehr. Und wenn die Polizei versagt, müssen wir uns halt selbst schützen.

Gemeinsam mit ihrer Nichte Marion Bokel, Chefin des örtlichen Bestattungsunternehmens, patrouillierte Marianne Bokel an Silvester durch die Straßen Mittelfelds.

Gegen 23 Uhr dann sichteten die beiden Damen einen ihrer Einschätzung nach nordafrikanisch aussehenden Mann in Begleitung einer blonden Frau.

Wir haben sofort um die Sicherheit der blonden Frau gebangt, berichtet Marion Bokel.

Wie sich alsbald herausstellte, handelte es sich bei dem Mann jedoch nicht um einen Nordafrikaner, sondern um den Syrer Amir Barakat, den einzigen in Mittelfeld ansässigen Geflüchteten. Und bei der blonden Frau handelte es sich nicht um eine Frau, sondern um den deutschen Staatsbürger Dirk Kröger, der sich anlässlich einer Silvesterparty als Frau verkleidet hatte.


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27. Dezember 2016

Mittelfelder Kurier #1: Der Katholik von Mittelfeld



Da er sogar an Weihnachten allein in seiner Kirche war, hat der Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, Winfried Hagemann, eine Kampagne gestartet, um mehr bzw. überhaupt Publikum anzuziehen. Ich möchte dieses Gotteshaus als moralischen Anker etablieren, sagt Pfarrer Hagemann, als moralische Instanz in einem immer unmoralischer werdenden Mittelfeld.

Eine dem Mittelfelder Kurier vorliegende Statistik offenbart, dass allein schon aufgrund der Religionszugehörigkeit der hiesigen Bevölkerung es ein katholischer Pfarrer in Mittelfeld nicht leicht hat. So geben 41% an, evangelisch zu sein, 35% konfessionslos, 14% keine Ahnung, 9% keine Angabe, 1% Sonstige.

Und jetzt ist auch noch dieser Flüchtling aus Syrien dazugekommen! klagt Pfarrer Hagemann. Damit hat Mittelfeld mehr Muslime als Katholiken.

Exklusiv begleitet der Mittelfelder Kurier Pfarrer Hagemann zu einem unangemeldeten Hausbesuch bei der Lehrerin Dorit Kersting, die Amir Barakat, den einzigen in Mittelfeld lebenden Geflüchteten, in ihre Wohnung aufgenommen hat. Pfarrer Hagemann unterstellt der Lehrerin und dem Geflüchteten, in einer inakzeptablen christlich-muslimischen wilden Mischehe zu leben. Das reinste Sodom und Gomorrha! urteilt der Pfarrer.

Zu den Vorwürfen sagt Dorit Kersting: Nein, ich unterhalte keine sexuelle Beziehung zu Herrn Barakat. Selbst wenn ich dies anstrebte, wäre mein Bemühen sinnlos, denn Herr Barakat ist schwul und hat bereits eine Beziehung mit dem im Nachbarort lebenden illegitimen Sohn des Pfarrers. Außerdem ist Herr Barakat kein Muslim, sondern Katholik.

Der Mittelfelder Kurier beglückwünscht Pfarrer Hagemann zum ersten potentiellen Mitglied seiner Gemeinde, allerdings hat Amir Barakat bereits via Twitter bekannt gegeben, lieber die Messe der Hochschulgemeinde in Göttingen zu besuchen.


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23. Oktober 2016

Big in Bulgaria

 

You came a long way, Bulgaria – from socialist art to modern talking!

15. August 2016

Nationale Spionage-Direktion Abteilung Pokémon

Stehe mit einer Schülergruppe an der künftigen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ein Schüler glaubt, der derzeitige deutsche Geheimdienst hieße Stasi; eine Mitschülerin widerspricht und sagt: "NSDAP."

18. Juli 2016

Wer ist sie?



Kam sie von einem fernen Planeten nach Berlin gereist, um die Bevölkerung vor steigenden Mietpreisen zu retten?

2. Juli 2016

LIEBE



Berlin, Kulturbrauerei

24. Mai 2016

Ost oder West?

Fragt heute eine Schülerin auf der Mauertour: "Ist das hier DDR oder ARD?"

6. Mai 2016

Chilenisches Kurzgedicht

Der Sozialismus in seinem Lauf
hielt der Margot ihren Tod nicht auf!

1. Mai 2016

Ristorante Felicità

Auf einen Vino mit Al Bano im Ristorante Felicità in Riga. Wir vermissen Romina. Wo ist sie? Klo? Shoppen?

4. April 2016

Oh, wie schön ist Panama (Papers Edition)

„In Panama“, sagte der kleine Bär, „ist alles viel schöner, weißt du. Denn Panama riecht von oben bis unten nach Briefkastenfirmen. Panama ist das Land unserer Träume, Tiger. Wir müssen sofort morgen nach Panama!“
„Sofort morgen“, sagte der kleine Tiger, „denn wir brauchen uns doch vor nichts zu fürchten, Bär. Aber meine Offshore-Ente muss auch mit.“

18. März 2016

Gehopst wie gesprungen

„Für jeden Syrer, den die Türkei wieder aufnimmt, erklären sich die Europäer im Gegenzug bereit, einen anderen syrischen Flüchtling legal direkt aus der Türkei nach Europa zu holen“, lese ich und denke, dass das doch ist wie: „Für jedes Kind, das Lea und Elias aus dem Sandkasten verscheuchen, darf ein anderes Kind in den Sandkasten kommen. Aber nicht jedes x-beliebige Kind. Und nur nach viel Geschacher.“

Mehr zum Thema unter:
Spiegel Online - EU geeint vor Türkei-Verhandlungen

8. März 2016

6. März 2016

Reisekasse aufbessern

Um die Reisekasse aufzubessern, stehe ich mit grauer Perücke und C&A-Klamotten in der Lyoner Innenstadt und präsentiere einige meiner Texte:

25. Februar 2016

Bin ich ein Transmann?

Stets neugierig darauf, mehr über meine Persönlichkeit zu erfahren, fülle ich gern Fragebögen von Online-Beratungsstellen aus – zu Themen wie: Bin ich schizophren? Bin ich ein Helene-Fischer-Fan? Bin ich lesbisch? Oder: Bin ich wie meine Mutter?

Und heute ein Fragebogen zum Thema: Bin ich ein Transmann?

Die erste Frage lautet: Wurdest du als Frau geboren?
Ich antworte: Keine Ahnung. Kann mich an meine Geburt nicht erinnern.

Warum denkst du, dass du ein Transmann sein könntest?
Weil mir neulich nach einem Auftritt jemand gesagt hat, mein Name wäre ein guter Transmann-Name.

Wie heißt du?
Tom Mars.

Hast du dich schon einmal als Mann verkleidet?
Ja, das tue ich häufig, sogar ziemlich häufig, eigentlich sehr häufig.

Hast du dir schon einmal die Brüste weggebunden?
Nein, bei meinen Brüsten gibt es nicht viel zum Wegbinden.

Hast du dir vorn in die Unterhose schon einmal Socken gestopft? Oder Obst? Oder Gemüse?
Ja, Socken. Um zu kaschieren, dass bei mir vorn kaum Masse vorhanden ist.

Trägst du Männerkleidung auch außerhalb deiner vier Wände?
Klar. Aber nur an Abenden, an denen ich Auftritte hab.

Wie stehst du dazu, wenn dich jemand als Frau betitelt bzw. dich mit weiblichem Namen anspricht?
Ist mir egal. Ich gebe mir sogar selbst weibliche Namen. Zum Beispiel an Tagen, an denen ich mich so richtig verrucht fühle, unterschreibe ich meine Mails gern mit Chantal. Und wenn ich mich eher wie eine vertrocknete Kaktusblüte fühle, bevorzuge ich Waltraud oder Hildegard.

Was denkst du über Körperbehaarung?
Körperbehaarung macht mich unabhängig von der Rasierprodukteindustrie.

Hast du dir schon einmal vorgestellt, einen Bart zu haben?
Bloß vorgestellt hab ich mir das nur bis zur Einschulung. Dann hab ich aufgehört, mich zu rasieren.

Wie sieht dein Liebesleben aus? Welches Geschlecht bevorzugst du und wie fühlst du dich dabei?
Ich bevorzuge Männer und fühle mich schwul.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, eine Geschlechtsangleichung vorzunehmen?
Ich weiß nicht, an was ich mein Geschlecht angleichen sollte. Vielleicht an meine Wichsfantasien? Oder an die Fantasien meiner Eltern oder die der katholischen Kirche?

Stell dir vor, du würdest einer anderen Transperson begegnen. Wie würdest du dich dabei fühlen?
Ich stelle mir vor, wie ich einer Transperson im Supermarkt begegne; sie sitzt dort an der Kasse und mir ist die Begegnung unangenehm, weil ich, als ich zahlen will, bemerke, dass ich nicht genug Geld mithab.

Hast du schon mal mit jemandem über deine Gefühle gesprochen?
Selbstverständlich! Ich trete regelmäßig bei Poetry Slams auf, einem Veranstaltungsformat, bei dem die Zuschauer genötigt werden, sich meine Gefühle anzuhören.

Und wie malst du dir deine Zukunft aus?
Als futuristisches Gemälde.

Die Auswertung des Fragebogens wird mir kurze Zeit später zugemailt und fällt recht knapp aus: Deine Gefühle sind sehr verschieden. Du bist dir noch nicht sicher.

Sicher hingegen ist sich die Gala; die Gala hält mich für eine Frau und schickt mir folgenden Werbebrief:

Sehr geehrte Frau Mars,
zum Frauentag alles Gute! Am 8. März ist Internationaler Frauentag, ein wichtiger Tag, an dem traditionell Blumen verschenkt werden. Machen Sie es in diesem Jahr einmal ganz anders und gratulieren Sie sich selbst auf ganz besondere Art und Weise – mit dem Gala-Miniabo!


Also... Wenn ich mir schon selbst gratulieren muss, zu was auch immer, dann bestimmt nicht mit einem Gala-Miniabo. Und ebenso wenig mit einem Miniabo der Auto Bild. Die Auto Bild definiert mich als männlich und schreibt mir:

Sehr geehrter Herr Mars,
zum Herrentag alles Gute! An Christi Himmelfahrt ist Herrentag, ein wichtiger Tag, an dem traditionell Alkohol konsumiert wird. Machen Sie es in diesem Jahr einmal ganz anders und gratulieren Sie sich selbst auf ganz besondere Art und Weise – mit dem Auto Bild-Miniabo!


Verpisst euch! Gar nichts mache ich in diesem Jahr ganz anders! Ich gehe ich in diesem Jahr ganz traditionell vor: Zum Frauentag stelle ich mir Blumen in die Vase und am Herrentag benutze ich die Vase als Bierkrug.

14. Februar 2016

Machu Picchu aufs Ohr

Studioversion



Produktion & Regie: Riccardo Vino

1. Februar 2016

TiM



Gent

30. Januar 2016

20. Januar 2016

Neues Ablaufdatum: Lebenslang

Wenn mir WhatsApp den Account lebenslänglich verlängert, bezieht sich das dann auf mein Leben oder auf das von WhatsApp?

Oder handelt es sich gar um einen Battle – darum, wer zuerst aufgibt?

Und steht in Ländern, in denen ein Lebenslänglich nicht existiert, dann als Ablaufdatum: Todesstrafe?

Mehr zum Thema unter:
Neue Osnabrücker Zeitung - Verwirrung bei WhatsApp

15. Januar 2016

Beim Barte des Schwimmers

Die Stadt Bornheim in Nordrhein-Westfalen verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum städtischen Hallenbad? Häh? Bin ganz spontan hingefahren, aber nicht reingekommen, weil mein Bart als zu muslimisch und mein Handtuch als Gebetsteppich eingestuft wurde.

Mehr zum Thema unter:
Spiegel Online - Schwimmbad-Verbot für männliche Flüchtlinge

14. Januar 2016

Machu Picchu



„Dein Vater ist aufm Machu Picchu!“ kräht meine Mutter durchs Telefon. „Und den Schambereich seiner Freundin nennt er Mekong-Delta.“

Mein Vater nennt den Schambereich seiner Freundin Mekong-Delta? Mir hat er erzählt Marianengraben. Weil die Freundin doch Marianne Grabner heißt.

„Dein Vater bringt mit seinen Fernreisen noch dein ganzes Erbe durch!“ fährt meine Mutter fort. „Peru! Bolivien! Kambodscha! Laos! Vietnam! Was will der denn da? Und das in seinem Alter!“

Nachdem mein Vater zurückgekehrt ist vom Machu Picchu, ruft er mich an und schnaubt: „Deine Mutter ist in Tirol! Und macht dort einen Seidenmalkurs. Warum will die denn nicht lieber was erleben? In ihrem Alter! Bald ist sie tot, aber sie verschwendet die Zeit, die ihr noch bleibt, mit Seidenmalerei in Tirol!“

Die Bilder meiner Mutter tragen Titel wie Alpenglühen bei Kitzbühel, Morgentau bei Kufstein oder Wandersrast im Zillertal.

„Du, Papa“, frage ich, „wie hast du eigentlich damals Mamas Schambereich genannt?“

„Gletscherspalte.“

Ich frage nicht, welchen Kosenamen meine Mutter dem Pimmel meines Vaters gegeben hat, denn den Namen kenne ich bereits: Lockenstab. Vor lauter Locken ist kaum der Stab zu sehen.

Zum Geburtstag schickt mir meine Mutter eine ihrer Seidenmalereien. Selbstbildnis am Großglockner. „Große Glocken?“ meint eine Freundin. „Steh ich drauf!“ Und ich überlasse ihr das Bild und dazu noch Mutters Telefonnummer.

„Du, Tom, sag mal“, schreibt mir meine Mutter tags drauf eine SMS. „Diese Freundin, der du meine Telefonnummer gegeben hast, ist die vielleicht ein warmer Bruder?“

Ich antworte: „Sie ist so warm, dass sie eine Gletscherspalte in einen Vulkan verwandeln kann.“

Daraufhin höre ich monatelang nichts von meiner Mutter. Von der Freundin auch nicht.

Nachdem mein Vater von einer Reise nach Madagaskar zurückgekehrt ist, ruft er mich an und berichtet: „Deine Mutter ist in Venedig, zusammen mit einer lesbischen Freundin von dir. Diese Freundin nennt den Schambereich deiner Mutter Lagune der Lust.“

Ich beende das Telefonat. Meine Eltern sind mir peinlich. Lagune der Lust! Mekong-Delta! Lockenstab! Ich nenne meinen Penis einfach bloß Schwanz und meine Brustwarzen heißen Eins und Zwei und meine Arschbacken A und B.

Mein Vater fände mich ziemlich langweilig, raunt mir Vaters Freundin bei einer Familienfeier zu. Mein Vater dächte sogar daran, einen Vaterschaftstest zu machen, um festzustellen, ob meine Mutter nicht mit dem Postboten gepimpert hat oder ich bei der Geburt vertauscht wurde. „Mein Vater spinnt!“ erwidere ich. „Er ist definitiv mein Vater. Wir haben denselben Lockenstab.“

In der S-Bahn frage ich ein spießig aussehendes älteres Touristenpärchen, ob sie nicht meine Eltern sein wollen. Das Pärchen schaut mich erschreckt an. „Was würden denn unsere Nachbarn sagen“, jammern sie, „wenn wir von unserer Berlin-Reise einen schwulen Sohn mit nach Hause bringen?“

Traurig sitze ich an der Spree. Potentiellen Adoptiveltern bin ich zu schwul, den biologischen Eltern nicht schwul genug. So wünscht sich mein Vater, dass ich an RuPaul's Drag Race teilnehme, einer Art Germany's Next Topmodel für Nachwuchstravestiekünstlerinnen. Und meine Mutter reißt mir beim CSD das T-Shirt vom Leib. Sie hat die Phase mit der Seidenmalerei hinter sich gelassen und interessiert sich nun für Bodypainting.

Ich habe Eltern, die stets ohne Probleme ins Berghain kommen, während ich stets an der Tür abgewiesen werde. Und während ich mich schon schäme, unter der Dusche im Schwimmbad die Badehose auszuziehen, besitzen meine Eltern ein Bootshaus an einem See in Mecklenburg-Vorpommern, in der weltweit einzigen Bootshauskolonie, die ausschließlich von Nudisten bevölkert ist.

Zum 10-jährigen Jubiläum ihrer Scheidung haben uns meine Eltern in einen Swingerclub eingeladen. „Fickt euch!“ sage ich und mein Freund bucht uns stattdessen ein Wochenende auf Usedom.

23. Dezember 2015

19. Dezember 2015

Natürliche Schönheit kommt von außen



Hab mich im Château de Beauté für die Festtage aufmöbeln lassen: mehr Lippen, mehr Augen, weniger Nase und neue Haare. Jetzt kann Weihnachten kommen!

6. Dezember 2015

Terror in der Provinz

Eine E-Mail-Korrespondenz mit meiner Mutter, wohnhaft im Kalifat Ostwestfalen.


Meine Mutter schreibt:

Lieber Tom,
mache mir solche Sorgen um dich. Und Margit Depenbusch und Ingeborg Hülstorf haben sich auch schon nach dir erkundigt. Wie ergeht es dir denn momentan in Berlin? Leben die Menschen in Berlin in ebenso großer Terrorangst wie in Paris und Brüssel? Städte, in denen du bereits warst. Nicht auszudenken, was dir dort alles hätte zustoßen können!
Meld dich mal!
Viele Grüße
Deine Mutter


Ich antworte:

Liebste Mutter,
mache mir auch Sorgen um dich. Wie ergeht es dir denn momentan in Ostwestfalen? Hab gelesen, dass heute bei dir in der Nähe, in Rahden im Kreis Minden-Lübbecke, ein Terroreinsatz stattgefunden hat. Die Polizei ist einem Hinweis gefolgt, nach dem der international gesuchte Bruder eines der Selbstmordattentäter von Paris sich in Ostwestfalen aufhalten könnte. Im Visier standen eine Wohnung sowie ein Fahrzeug. Stundenlang waren mehrere Straßen abgeriegelt und im Laufe des Einsatzes wurden neun Menschen kontrolliert, darunter drei Kinder.
Lebt im Kreis Minden-Lübbecke nicht auch die Tochter von Margit Depenbusch? Hoffe, ihr ist nichts zugestoßen.
Bussi, Bussi!
Bis bald!
Dein Sohn


Meine Mutter lässt ein paar Tage verstreichen, ehe sie eine neue Nachricht verfasst:

Lieber Tom,
möchtest du eigentlich immer noch über Weihnachten an die Côte d'Azur fahren? Jetzt, wo es in Frankreich so gefährlich ist? Willst du über Weihnachten nicht doch lieber in deine westfälische Heimat kommen?


In meine westfälische Heimat? In meine westfälische Heimat, die sich im Fadenkreuz des Terrors befindet?
Hast du nicht gehört, was gestern in Beckum passiert ist? In Beckum im Kreis Warendorf hat eine Schülerin eine Brandgranate mit zum Unterricht gebracht und damit einen Einsatz des Kampfmittelräumdienstes ausgelöst. Und die Evakuierung des Gebäudes und die Absage eines Elternsprechtages verursacht.
Lebt in Beckum nicht auch der Sohn von Ingeborg Hülstorf? Hoffe, ihm ist nichts zugestoßen.


Meine Mutter schweigt für ein paar Wochen und meldet sich erst wieder an Heiligabend:

Lieber Tom,
ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich dir. Hoffe, dir geht es gut in Frankreich. Bist du eigentlich allein dorthin gereist oder zusammen mit deinem Freund? Du solltest dich jedenfalls vor deinem Freund in Acht nehmen, weil er stammt doch aus Syrien. Vielleicht hat er Kontakt zum Islamischen Staat und will dich in die Luft sprengen.


Liebste Mutter,
mein Freund stammt nicht aus Syrien, sondern aus Zypern. Beide Ländernamen haben zwar sechs Buchstaben, von denen jeweils einer ein Y, einer ein R, einer ein E und einer ein N ist, ansonsten aber handelt es sich um zwei verschiedene Länder.
Und hast du schon gehört, dass die Tochter von Margit Depenbusch ihren Mann dazu zwingt, im Bett eine Burka zu tragen?

3. November 2015

Tod zweier Freibäder



Das BVG-Freibad in Berlin-Lichtenberg diente als Trainingsstätte für die Olympischen Spiele 1932 und 1936. Eine Wiederbelebung als Sommervolksbad erfolgte erst in den 70er Jahren. Seit Ende der 80er ist das Bad geschlossen.







Weiter östlich, in Kaulsdorf, befindet sich das Wernerbad, 1905 eröffnet als erstes Freibad Berlins und geschlossen seit 2002:



1. November 2015

Transitzonen

CDU und CSU möchten für neu ankommende Flüchtlinge Transitzonen einrichten, aus denen als unberechtigt eingestufte Asylbewerber sofort wieder abgeschoben werden sollen. Transitzone ist für dieses Vorhaben allerdings der falsche Begriff, denn Transitzone bedeutet Durchgangszone. Für das, was CDU und CSU beabsichtigen, existiert ein anderes Wort: Sackgasse.

25. Oktober 2015

Fliegerhorst Schönwalde



Im einem Wald nordwestlich von Berlin – zwischen Hennigsdorf, Bötzow und Schönwalde – versteckt sich ein ehemaliger Fliegerhorst, erbaut in den 1930er Jahren, bis Kriegsende genutzt von der deutschen Luftwaffe und von 1945 bis 1992 von der Sowjetarmee.







16. September 2015

Hollywood steht Kopf



Die Volksbühne stellt Hollywood auf den Kopf!

9. September 2015

Das explodierte Lama



Es war einmal in Westfalen. Im Westfalen meiner Kindheit waren ausländische Elemente gern gesehen in Form eines Eiscafés Venezia, einer Pizzeria Roma oder eines China-Restaurants Shanghai. Die Menschen fühlten sich weltgewandt, wenn sie einen Ouzo tranken oder eine ungarische Gulaschsuppe löffelten.

Und dann – 1989 – zogen Aliens in unsere Siedlung. Der Schilderung meiner Eltern nach musste es sich bei der Familie, die gerade drei Häuser weiter eingezogen war, um eine Klingonenfamilie handeln. Neugierig drückte ich mich nahe ihrer Terrasse herum und stellte fest, dass es sich nicht um Klingonen handelte, sondern um DDR-Bürger.

"Und unten an der Straßenecke, da lauern die Russen!" behauptete mein Vater. Ich konfrontierte ihn mit der Aussage von Peter, dem Sohn der Russen, der mir erklärt hatte, dass er zwar in der Sowjetunion geboren sei, seine Familie aber deutsche Vorfahren habe. Worauf mein Vater erwiderte, dass es – um nach Deutschland kommen zu können – doch schon ausreiche, mal einen Deutschen Schäferhund gehabt zu haben.

Wenn es bloß eines Schäferhundes bedarf, um sich in Deutschland niederlassen zu können, warum hat das dann bisher niemand den derzeit zu uns strömenden Flüchtlingen gesagt?

Vom Schäferhund schweife ich nun zu einem anderen Tier. Das andere Tier hieß Yvonne. Yvonne war die Tochter von Freunden meiner Eltern – ein Mädchen, welches gern eine weiße Kunstfelljacke trug, in der es aussah wie ein explodiertes Lama. Ich mochte die Jacke nicht. Yvonne ihrerseits mochte Abdul nicht, einen libanesischen Jungen aus unserer Kindergartengruppe. Auf einem Gruppenfoto hat Yvonne Abduls Gesicht mit einem schwarzen Filzstift übermalt.

Ihre Mutter war entsetzt. Aber nicht ganz so entsetzt wie an dem Tag, als ich es gewagt habe, Yvonne zu gestehen, dass ich ihre Jacke nicht mag.

Ohne Jacke – es ist Sommer – radele ich Jahrzehnte später als Stadtführer mit einer Gruppe neureicher Westfalen durch Kreuzberg. Im Görlitzer Park sehen wir viele türkische Familien beim Grillen. Ein Mann aus meiner Touristengruppe deutet auf die Grillenden und äußert, dass er die da gern mal grillen würde.

Der Mann will Menschen grillen? Ist dieser Westfale etwa vom Katholizismus zum Kannibalismus konvertiert?

Es ist an der Zeit, dass Bibi Blocksberg herbeifliegt und eine kleine Bühne in den Görlitzer Park zaubert; ich trete an das Mikrofon und rezitiere einen meiner Poetry Slam-Texte, der mit den Worten endet: “… und wenn du an deinem Hass nicht gestorben bist, so hasst du noch heute.”

19. August 2015

Bloß zwei Buchstaben von Brüssel entfernt



Eben noch irgendwo in Brandenburg und nun muss ich bloß noch zwei Buchstaben austauschen und ich bin in Brüssel!

17. August 2015

Moos Street Art



Eine mir bislang nicht bekannte Variante von Street Art: Moos an Wände kleben!

16. August 2015

Es fährt kein Zug nach Nirgendwo



Spandau, ehem. S-Bahnhof Siemensstadt

23. Mai 2015

6. März 2015

Heidi auf Hawaii



Seit kurzem arbeite ich in der Filmbranche, als Assistent eines Assistenten. Es ist Vormittag, es ist viel Kaffee und es ist Meeting. Es wird diskutiert über eine zeitgemäße Neuverfilmung von Heidi.

Heidi soll auf Hawaii spielen. Des Alm-Öhis Hütte steht dann nicht mehr in den Schweizer Alpen, sondern auf einem hawaiianischen Vulkan. Tante Dete, eine Bitch, die lieber in Hollywood Karriere machen will, hat dem Alm-Öhi die kleine Heidi durch die Tür geschoben und nun sitzt der griesgrämige Alte da mit seiner energiegeladenen Enkelin, die unbedingt eine große Surferin werden will.

Und Ziegenpeter? – Auf Hawaii kümmert sich Ziegenpeter nicht um Ziegen, sondern er ist ein Surfkumpel von Heidi, der sich besonders gut mit Delfinen versteht. Delfinpeter sozusagen.

Im Meeting entbrennt ein Streit darüber, wie sich Klara und Fräulein Rottenmeier in die Neuverfilmung einbauen ließen. Anstatt sich auf eine Variante zu einigen, wird bald die Idee favourisiert, Heidi nicht auf Hawaii, sondern besser in Kalifornien – zum Beispiel in San Francisco – spielen zu lassen.

Und in San Francisco, einer der homofreundlichsten Städte der Welt, erlebt Heidi ihr lesbisches Coming-Out und verliebt sich in Klara. Klara stammt – im Gegensatz zum Original – nicht aus Frankfurt am Main, sondern aus einem Kaff namens Frankfort, Ohio. Dort hat sie es nicht mehr ausgehalten und ist nach San Francisco durchgebrannt. Ihr auf den Fersen ist Fräulein Rottenmeier, eine religiöse Fanatikerin, die glaubt, Klara von ihrer Homosexualität heilen zu können.

Und Ziegenpeter ist Heidis bester schwuler Freund und mangels Ziegen widmet sich Ziegenpeter stattdessen homosexuellen Männern, aber nur solchen, die einen Ziegenbart tragen.

Allerdings hat niemand im Meeting einen Vorschlag, wie der Alm-Öhi in das Setting eingebunden werden könnte. Woraufhin ich vorschlage, die neue Heidi doch in Rio de Janeiro anzusiedeln. Dann stünde die Hütte des Alm-Öhis auf dem Zuckerhut und Heidi wäre eine aufstrebende Sambatänzerin. Ziegenpeter ist ihr Choreograph. Und Klara sitzt – wie im Original – im Rollstuhl, und ihr größter Traum ist es, einmal beim Karneval mitzutanzen.

Und Fräulein Rottenmeier? – Die hat sich 1945 mit ihrem Gatten, einem hochrangigen Nazi, nach Brasilien abgesetzt und hält Samba für entartete Kunst.

Heidi an der Copacabana. Heidi auf Hawaii. Heidi auf der Golden Gate Bridge. Heidi am Kilimanjaro. Heidi im Himalaya. Heidi im Vatikan. Heidi beim Eurovision Song Contest. Heidi bei Heidi Klums Germany's Next Topmodel, mit Heidi Klum als Fräulein Rottenmeier und Wolfgang Joop als Alm-Öhi. Oder mit Heidi Klum als Alm-Öhi und Wolfgang Joop als Fräulein Rottenmeier. Und der Produzent verlangt, dass wir auch noch Helene Fischer integrieren.

Es war Vormittag, es war viel Kaffee und es war Meeting.

12. Februar 2015

Σάουντρακ κρίσης (Soundtrack zur Krise)



Griechenland ist nicht nur Krise, sondern auch Musik. Lasst Άννα Βίσση (Anna Vissi) nach Brüssel fliegen und sie folgendes Lied singen: Ας κάνουμε απόψε μιαν αρχή (Lass uns heute Abend einen Anfang machen). Mit diesem Lied gewann Άννα Βίσση bereits 1977 das Φεστιβάλ Τραγουδιού Θεσσαλονίκης (Thessaloniki Song Festival) und legte damit den Grundstein für ihre bis heute andauernde Karriere. Ihre Spannweite reicht von traditionell klingenden Meldodien bis hin zu zeitgenössischen Discobeats wie in Call Me aus dem Jahr 2003.

Wenn die Winde der Krise besonders hoch peitschen, empfiehle ich Ανεμοδαρμένα ύψη (Sturmhöhe) von Καίτη Γαρμπή (Keti Garbi), veröffentlicht 2013. Und um einen Lichtstrahl am Ende des Tunnels zu sehen, höre dir jenes Lied an, mit dem Καίτη Γαρμπή 1993 beim Eurovision Song Contest antrat: Ελλάδα, χώρα του φωτός (Griechenland, Land des Lichts).

Stammtischpolitiker haben es schon immer gewusst: Griechenland steckt bloß deswegen in der Krise steckt, weil dort Alkohol für umme ausgeschenkt wird. Alkohol is free - diesen Titel sang die Ska-Band Koza Mostra, unterstützt von dem Volksmusiksänger Αγάθωνας Ιακωβίδης (Agathonas Iakovidis), beim Eurovision Song Contest 2013. Und für den Fall, dass jemand durchdreht, haben Koza Mostra noch dies im Programm: Με τρέλα (Mit Wahnsinn).

Die Hip-Hop Band Stavento kooperiert gern mit Sängerinnen aus den Genres Pop und Dance. Mit Έλενα Παπαρίζου (Helena Paparizou), ESC-Gewinnerin 2005, wurde im vorletzten Jahr Στην άκρη του κόσμου (Am Ende der Welt) aufgenommen. Griechenland allerdings ist nicht irgendein Konstrukt am Ende der Welt, sondern lässt sich in nahezu jeder deutschen Stadt auch kulinarisch erfahren; selbst in Frankfurt (Oder) gibt es ein griechisches Restaurant! Esst Moussaka und tanzt Sirtaki bis der Morgen kommt und dann ist die Zeit reif für dieses Lied von Stavento feat. Ήβη Αδάμου (Ivi Adamou): Σαν έρθει η μέρα (Wenn der Morgen kommt).

In dieser subjektiven, nicht auf Vollständigkeit angelegten Auflistung, soll eine Sängerin nicht fehlen: Δέσποινα Βανδή (Despina Vandi), die George Michael Griechenlands. Analog zu George Michaels Last Christmas sang Δέσποινα Βανδή das populärste griechische neuzeitliche Weihnachtslied: Χριστούγεννα (Weihnachten). Δέσποινα Βανδή wurde 1969 in Tübingen geboren; als sie sechs Jahre alt war, ging die Familie zurück nach Griechenland. Und seit den 90ern ist sie eine bekannte Größe im Musikgeschäft. Für den Soundtrack zur Krise habe ich eine ihrer letzten Singles ausgewählt: Όλα aλλάζουν (Alles verändert sich).

5. Januar 2015

Bärgida

Wenn eine Tageszeitung mich nicht aufgeklärt hätte, würde ich immer noch denken, bei "Bärgida" handle es sich um ein neues Internetportal für Bären (haarige schwule Männer). Tatsächlich aber ist "Bärgida" der Berliner Ableger von "Pegida". Ich lege die Zeitung beiseite und erwäge, eine Kampagne namens "Kotzgida" (kurz für: "Kotzen gegen islamophobe Deppenaffen") zu starten. Mein verkaterter Mitbewohner schaut mich überrascht an; statt "Kotzgida" hat er "Kotz, Guido!" verstanden und er kotzt über den Frühstückstisch.

30. Dezember 2014

Glatz-o-mat



Meine Damen und Herren, ich zeige mehr Haut – seit ich eine Glatze trage. Und die Haare stehen mir nicht mehr zu Berge, wenn ich dem Publikum haarsträubende Geschichten erzähle. Niemand kann mir vorwerfen, meine Handlungsstränge seien an den Haaren herbeigezogen.

„Lass mein Haar herab!“ sagte ich zu Rapunzel, der Frisörin. „Lass mein Haar herab, damit mir, wenn ich Sorgen hab, keine grauen Haare wachsen. Und damit mir niemand mehr ein Haar krümmt, wenn er mir was krumm nimmt.“

Seit Rapunzel kein gutes Haar an mir ließ, kriege ich mich mit keinem mehr in die Haare – und werde auch nicht mehr von kulinarisch sonderbar veranlagten Menschen belästigt: Niemand mehr will mir die Haare vom Kopf fressen.

Allerdings bin ich keine Gelegenheit mehr, die sich beim Schopf packen lässt. So wäre ich bei einem Outdoortrip durch den Dschungel von Borneo um ein Haar ertrunken, weil ich mich nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen konnte.

Ansonsten empfiehlt sich eine Glatze auch aus Platzgründen: Von Jahr zu Jahr nämlich werde ich stetig klüger und wenn der Verstand wächst, müssen halt die Haare weg!

Am Alexanderplatz habe ich nun einen Glatz-o-maten aufgestellt, etwa so groß wie ein Fotoautomat. Du gehst rein und nach wenigen Minuten kommt nicht dein Passbild raus, sondern du kommst mit Glatze raus. Ein neues Passbild erhältst du erst dann noch dazu, nachdem du weitere vier Euro eingeworfen hast.

Jetzt im Winter tragen viele Glatzen Mützen. Ich nicht. Als romantisch veranlagter Poet spüre ich gern, wie der Schnee auf mein Haupt fällt.

Die Eltern meines Freundes denken, ihr Sohn wäre mit einem Neonazi liiert. Im Gegenzug glauben meine Eltern, dass mein Freund ein Gotteskrieger ist, der mich zwingt, im Bett eine Burka zu tragen. Aber dazu muss er mich doch nicht zwingen!

9. November 2014

Ostbuxe

Damals hatte ich oft Sexualkontakte ostseits der Mauer und habe dort einmal einem Jungen meine Westjeans geschenkt. Doch anstatt mir im Austausch dafür von ihm seine Ostbuxe geben zu lassen, torkelte ich trunken vor Liebe und Alkohol in Unterhose zurück zum Grenzübergang. Die Westberliner Boulevardpresse machte den Vorfall publik und fortan war es unter Jugendlichen eine beliebte Mutprobe, sich der DDR-Grenze in Unterwäsche zu nähern.

29. April 2014

Reisen mit Uschi



Liebe Ingeborg,

meine Reisen buch ich ja bloß noch bei Uschi-Reisen!

Viele Grüße vom Gardasee
sendet Helga

17. April 2014

Euphoria

Statt mich mit aufgezwungenem Kram zu beschäftigen (wie über 269 Euro Rundfunkgebühr ärgern oder dem Ändern müssen meines Betriebssystems Windows XP zu Windows 7, 8, 9, 10 oder 11), kümmere ich mich heute mal um eine wirklich wichtige Angelegenheit: Ich werde mich in ein Second-Hand-Kaufhaus begeben und mit Hilfe der dortigen Einkaufsassistentinnen ein Kostüm für die Eurovision Song Contest Party auswählen!

27. Februar 2014

Neue Hose



Seit Längerem schon will ich mir eine neue Hose zulegen und recherchiere nach ihr im Internet; was bisher lediglich dazu geführt hat, dass mir am Bildschirmrand häufig Hosenwerbung angezeigt wird – unabhängig davon, ob ich nun gerade nach einer Hose suche oder nach Sexualkontakten.

Vom Flur her ertönt der verzückte Schrei meines Mitbewohners. Er hat ein zalando-Paket bekommen. Der verzückte Schrei weicht einem wütenden Brüllen, als mein Mitbewohner bemerkt, dass ihm die soeben gelieferten Schuhe zu klein sind.

Ich beschließe, meine neue Hose nicht im Internet zu kaufen, und begebe mich in ein analoges Kaufhaus. Ich stelle mich in die Herrenabteilung und rufe: „Guten Tag, ich bin ein Kunde und möchte eine Hose kaufen.“ Niemand außer ein paar Schülerinnen aus Bergisch Gladbach, die auf Klassenfahrt in Berlin sind, reagiert auf mich. Die Schülerinnen helfen mir, eine Hose auszuwählen.

Wieder zu Hause finde ich meinen Mitbewohner nackt vor. Sein Guru hätte als Kalenderblattspruch heute gepostet: „Streif all das ab, was von H&M ist, und du kommst deiner eigenen Persönlichkeit ein Stück weit näher.“ – Ich habe Sorge, dass der Guru morgen dazu auffordert, all das loszuwerden, was von IKEA ist.

Mein Mitbewohner begutachtet meine neue Hose und meint, dass ich in meinem Alter eigentlich längst ein Mindestmaß an Stilbewusstsein hätte entwickeln können. Sagt der, der neulich bei einer Lesung war, bei der 24 Stunden lang Songtexte von Andrea Berg rezitiert wurden.

Um Tiefgründigkeit zu demonstrieren, besuche ich einen Weltverbesserungskongress. Dort bekleckere ich mir meine neue Hose mit veganem Gulasch. Die Hose sieht nun so lecker aus, dass ein just des Weges kommender Hosenfetischist sich hinkniet und das Gulasch von meiner Hose leckt. Ich taufe den Hosenfetischisten auf den Spitznamen Waschmaschine und frage ihn, ob er zufällig auch einen Putzfetisch hat. Dann nämlich täte ich ihn gern noch zu mir nach Hause abschleppen.

12. Februar 2014

Milchshake



Als Teenager stand ich eines Nachmittags an einer Ampel, ein Cabrio fuhr vorbei, die Insassen beschimpften mich als Schwuchtel und ein Milchshake wurde nach mir geworfen. Wann immer ich in den Jahren danach an einer Ampel stand, habe ich versucht, bloß nicht homosexuell zu wirken, damit nicht wieder ein Getränk auf mich fliegt.

In Talkshows und Zeitungsinterviews behaupten homophobe Menschen gern, nicht homophob zu sein. Sie sind gar empört, wenn ihnen eine solche Eigenschaft unterstellt wird. Der Begriff Homophobie scheint eine Bedeutungsverschiebung zu durchleben: Ursprünglich waren bei Homophobie die Homos die Opfer, neuerdings sind bei Homophobie die Homophoben die Opfer.

Stell dir vor, ein Homophober steht an einer Ampel und versucht krampfhaft, nicht homophob zu wirken, wenn gerade ein quietschrosa Cabrio mit giggelnden Tunten drin angefahren kommt.

11. Februar 2014

Horizont durch Berge begrenzt

Schweiz. Bei einer Volksabstimmung sprach sich die Mehrheit dafür aus, das Zuwandern von Menschen aus anderen Ländern zu begrenzen – was mich zu der Frage führt: Haben die Schweizer vergessen, dass selbst Klara, Heidis beste Freundin, eine Ausländerin ist? – Klara kommt aus Frankfurt. Und neuesten Erkenntnissen nach weist auch Ziegenpeter einen Migrationshintergrund auf – Forscher vermuten als Geburtsort ein Dorf in der Nähe von Sarajevo.