2. Dezember 2017

Sind wir Europa?

Mittelfelder Kurier #8



Nachdem wir auf unsere Frage, ob Mittelfeld im Osten oder Westen Deutschlands liegt, lediglich ergebnissoffene Antworten erhielten (→ Mittelfelder Kurier #3: Ost oder West?), gehen wir heute einer übergeordneteren Frage nach: Liegt Mittelfeld in Europa?

Zuerst fragen wir Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Ob Mittelfeld in Europa liegt, hält er für zweitrangig. Hauptsache, wir befinden uns im christlichen Abendland!

Unsere nächste Gesprächspartnerin ist die Lehrerin Dorit Kersting. Ob Mittelfeld in Europa liegt? wiederholt sie lachend die Frage. Na, zumindest liegt Europa gerade bei mir im Bett. Sie habe momentan eine Affäre mit einem Erasmus-Studenten, zu dem sie schleunigst zurückwolle. Ich hab nur eben was fürs Frühstück eingekauft, meint sie und eilt davon.

Unsere Recherche führt uns nun in den Gemischtwarenladen von Emma Schmitz, genannt Tante Emma. Und Tante Emma präsentiert uns Produkte aus ihrem Sortiment: Kaffee aus Costa Rica, Wein aus Georgien, Feigen aus Marokko. Und hier, sagt Tante Emma, riechen Sie mal: Patschuliöl aus Indonesien. Und dann schenkt sie uns einen Pisco ein, einen chilenischen Weinbrand. Tante Emmas Fazit: Was interessiert mich Europa, wenn ich die ganze Welt saufen kann!

Szenenwechsel. Wir suchen Marianne Bokel auf, die Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Europa? echauffiert sich Frau Bokel. Ich hab Zweifel, ob wir uns da befinden. Jedes Mal, wenn ich diesen Flüchtling sehe, der seit einer Weile hier in Mittelfeld haust, denke ich, ich bin in Afrika.

Vorm Altenheim kommt eben erwähnter Geflüchteter die Straße entlanggeradelt. Afrika? amüsiert sich Amir Barakat. Wenn mich die Bokel sieht, denkt sie an Afrika? Ich komme aus Syrien. Seit wann liegt das in Afrika?

5. Oktober 2017

Die Irrtümer der Touristen

Tagebuch eines Stadtführers #4



Es gibt Touristen, die halten den Hauptbahnhof für ein Hallenbad, die Charité für ein Shoppingcenter, die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes für ein Gefängnis; und manche denken, Ost und West hätten die Mauer gemeinsam erbaut.

Stellt euch das vor: Ostbauarbeiter und Westbauarbeiter arbeiten einträchtig nebeneinander an der Mauer, fachsimpelnd über die adäquate Höhe des Bollwerks und darüber, wie viel Stacheldraht und wie viele kleine Glasscherben noch oben drauf zu packen sind. Und Soldaten der Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr patrouillieren zusammen im Todesstreifen und spielen immer Schnick, Schnack, Schnuck, um zu entscheiden, wer heute die Flüchtlinge erschießen darf.

Dieser Logik folgend freut sich Mexiko auf nichts mehr, als die von Donald Trump gewollte Mauer zu bezahlen.
   „Juchhu, Mister Trump!“ ruft die mexikanische Regierung. „Sie wollen an der Grenze unserer beider Länder eine Mauer errichten? Toll! Super! Wir übernehmen die Zeche. Hier ist der Scheck!“

Und dann war da noch dieser eine Tourist, der den Görlitzer Park für ein Jagdgebiet hielt. Als er die im Park grillenden türkischen Familien sah, tat er kund, dass er hier gern mal auf Treibjagd gehen würde.
   „Da kommen Sie zu spät, mein Herr“, entgegne ich. „Die Treibjagd fand bereits zwischen 1933 und 1945 statt.“

Einen Tag drauf denkt ein Junge, der derzeitige deutsche Geheimdienst hieße Stasi; eine Mitschülerin widerspricht und sagt: „NSDAP.“

Und an der Mauergedenkstätte fragt eine Schülerin: „Wo wir hier gerade stehen, ist das jetzt DDR oder ARD?“
   Ich antworte: „ZDF.“

Und dann war da noch der Schüler, der glaubte, ich sei ein ehemaliger Juror aus Germany's Next Topmodel, weshalb ich im Regierungsviertel – Heidi Klum imitierend – gesagt hab: „So, Mädels, wir sind ja jetzt im Regierungsviertel und bei unserem heutigen Livewalk sollt ihr laufen wie Politiker.“

Der Schüler ist sofort losgelaufen. Sein Walk war allerdings zu zappelig, nicht staatstragend genug für einen Politiker. Ich wollte gerade ansetzen, dem Schüler mitzuteilen, dass sein Traum, Germany's Next Toppolitiker zu werden, ausgeträumt sei, als seine Lehrerin ihm noch eine Chance gegeben und ihm ein Referat zum Thema Bundestag aufgebrummt hat.

2. Oktober 2017

Ehe für alle

Mittelfelder Kurier #7



Gestern wurde in Mittelfeld nach langer Zeit wieder eine Hochzeit gefeiert. Den Bund der Ehe schlossen der Syrer Amir Barakat, einziger in Mittelfeld ansässiger Geflüchteter, und der aus dem Nachbarort stammende Dirk Kröger, illegitimer Sohn von Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Die beiden Männer waren die ersten im Landkreis, die die seit gestern bestehende Möglichkeit nutzten, dass nun auch homosexuelle Paare heiraten dürfen.

Nach der Trauung auf dem Standesamt in der Kreisstadt fuhr das Bräutigampaar hupend in Mittelfeld ein, um den schönsten Tag ihres Lebens in Emma Schmitz' Gemischtwarenladen zu feiern.

Hannelore Kröger, Mutter des einen Bräutigams, sagte dem Mittelfelder Kurier unter Tränen der Rührung: Ich habe meinem Dirk immer gewünscht, dass er einen solch wundervollen Partner wie Amir findet. Ich wünsche den beiden alles Glück der Welt!

Bedauerlich hingegen fand Hannelore Kröger die Abwesenheit von Dirks Vater. Obwohl inzwischen sowieso alle wüssten, dass Dirk der Sohn des katholischen Pfarrers sei, zöge es Hochwürden vor, seine Vaterschaft weiterhin zu ignorieren.

Vom Mittelfelder Kurier um ein Statement zur Hochzeit seines Sohnes gebeten, sagte der Pfarrer: Die Ehe ist ein Sakrament, dass einer Verbindung aus Mann und Frau vorbehalten ist.

Vor Emma Schmitz' Gemischtwarenladen hatten sich zwei weitere Personen eingefunden, die die Eheschließung der beiden Männer ablehnen: Marianne Bokel, Betreiberin des örtlichen Seniorenwohnheims, veranstaltete mit ihrer Nichte Marion Bokel, Chefin des örtlichen Bestattungsunternehmens, eine lautstarke Demonstration. Die prostestierenden Frauen sangen eine Coverversion von Marianne Rosenbergs Er gehört zu mir. Statt Er gehört zu mir sangen sie jedoch Er gehört nicht dir.

Nach der musikalischen Darbietung entrollten sie zudem ein Transparent mit dem Slogan: HOMO-ASYLANTEN NEHMEN UNS DEUTSCHEN FRAUEN DIE MÄNNER WEG!

Lächerlich! kommentierte Bräutigam Amir Barakat. Die beiden Bitches sollten sich überlegen, ob es nicht vielleicht noch einen anderen Grund gibt, warum sie keinen Mann haben.

Der Mittelfelder Kurier beglückwünscht die Frischvermählten, die nun ihre Flitterwochen im Allgäu verbringen.

24. September 2017

Die verpeilteste Lehrerin, die ich kenne

Tagebuch eines Stadtführers #3



Vor zehn Minuten habe ich eine aus Brandenburg an der Havel stammende Schülergruppe verabschiedet. Ich halte mich noch im Büro auf, als einer der Schüler reinkommt und sich erkundigt, wo denn seine Gruppe sei.
   „Auf dem Weg zum Bahnhof“, sage ich.
   „Ohne mich?“ fragt der Schüler. Er war auf dem Klo und die Gruppe hat ihn wohl dort vergessen.

Der Junge hat weder die Telefonnummer der Lehrerin noch die Nummer eines anderen Mitglieds der Gruppe, noch hat er überhaupt ein Telefon. Ich finde in den Akten Lehrerins Nummer, rufe an, doch am anderen Ende meldet sich nicht die Lehrerin, sondern das Restaurant, in dem die Lehrerin zu Mittag gegessen und ihr Telefon liegen gelassen hat.

Ich beschreibe dem Schüler den Weg zum Restaurant und sage ihm, er soll das Telefon abholen und sich mit Hilfe des Telefons nach Hause durchschlagen.
   „Funktioniert ungefähr so wie Geo-Caching“, sage ich, klopfe dem Jungen auf die Schulter und radle nach Hause.

Im Jahr drauf kommt die Lehrerin wieder mit einer Schülergruppe; sie erscheinen eine Stunde zu spät, weil dieses Mal ein Schüler bereits zuvor auf der Toilette eines Restaurants vergessen wurde. Der Schüler hatte sogar die Nummer der Lehrerin, rief an, doch am anderen Ende meldete sich nicht die Lehrerin, sondern ein Fundbüro, da die Lehrerin ihr Telefon bereits morgens im Zug liegen gelassen hatte.

Im folgenden Jahr will die Lehrerin erneut einen Tagesausflug nach Berlin machen, aber dieses Mal erscheint die Gruppe gar nicht zur Tour. Die Lehrerin hat ihr Telefon bereits zu Hause liegen gelassen und konnte nicht um Hilfe telefonieren, als sie im Regionalexpress die Klotür nicht wieder aufbekam. Sie wurde erst befreit, als der Zug schon Frankfurt (Oder) erreicht hatte, während die Schüler wie geplant in Berlin ausgestiegen waren, aber in Unkenntnis des eigentlichen Programms den Tag in einem Shopping Center verbracht haben.

21. September 2017

Mein schönstes Wahlerlebnis



Es ist Sonntag, es ist bereits Nachmittag, es ist Kopfweh, es ist Kater und – es ist Bundestagswahl.

Um eine Wahl zu treffen, erwäge ich, den Haribo-Wahl-O-Maten zu befragen: Mit verschlossenen Augen eine Tüte Haribo Goldbären bis auf den letzten Bären aufessen, der Farbe des letzten Bären eine politische Partei zuordnen und diese Partei angekreuzt und fertig.

Ich erreiche das Wahllokal. Das Wahllokal ist im sonstigen Leben eine Kita und an den Wänden im Flur sehe ich Marienkäfer über Marienkäfer. Mehr Marienbildnisse gibt es nicht einmal im Vatikan. Marienkäfer würden Christdemokraten wählen.

Und Legehennen würden die Grünen wählen.

Und Störche würden Briefwahl machen, weil sie im September längst außer Landes sind, auf dem Weg in den Süden.

Ich fliehe nach nebenan in einen Spätkauf. Mit zugekniffenen Augen stehe ich vorm Kühlschrank und erwische eine Club Mate. Gelbe Farbe. Soll ich also die FDP wählen? – Danach trinke ich ein Beck’s. Grüne Flasche. Ein Hinweis darauf, dass ich die Grünen wählen soll? – Eine Schokolade aus der Ritter Sport-Kollektion wandert in meinen Mund. Geschmacksrichtung Marzipan. Die Verpackung ist rot. Bin ich jetzt auf SPD oder Die Linke? Oder steht auf dem Stimmzettel auch Die Pinke? – Mir wird schwindelig. Ich sehe schwarz.

Nach kurzer Bewusstlosigkeit kommt ein Nachbar in den Laden, der auch nicht weiß, was er wählen soll. Aber er weiß, wo eine Wahlparty steigt. Fragt mich nicht, von welcher Partei die Party ist. Ich kann nur sagen, dass die Getränke umsonst sind und dass ich mit einem Nachwuchspolitiker nach Hause gehe.

Ich habe Angst, dem Nachwuchspolitiker zu gestehen, dass ich nicht gewählt habe. Wenn er erfährt, dass ich ein Nichtwähler bin, will er mich bestimmt nie wiedersehen.

Erleichterung verschafft mir die Entdeckung eines Selfies, das ich am Wahltag morgens um kurz nach acht bei Facebook gepostet zu haben scheine: Das Bild zeigt mich in der Wahlkabine, übernächtigt und alkoholisiert, wie ich gerade mein Kreuzchen mache.

Stolz zeige ich dem Nachwuchspolitiker das Selfie, um zu beweisen wie politisch engagiert ich bin, doch der Nachwuchspolitker meint bloß, dass ein Wahllokal kein geeigneter Ort für ein Selfie sei. – Pah! Wie spießig sind denn diese Nachwuchspolitiker heutzutage drauf! Ich gehe jetzt auf eine Demo und suche mir einen anderen Koalitionspartner.

18. September 2017

L'affaire de pipi

Journal d'un guide #1



On s'arrête en face d'un squat. Une femme ouvre une fenêtre de l'immeuble derrière nous et elle s'adresse à moi pour se plaindre d'un petit garçon :
   « Ce petit garçon, il a pissé contre mon balcon.
   – Mais pourquoi vous adressez-vous à moi ? Ce n'est pas moi qui ai fait pipi contre votre balcon.
   – Mais vous êtes le porte-parole.
   – Non, madame, je suis le guide. Et je n'ai dit à personne de faire pipi contre votre balcon. »

La femme ferme la fenêtre et peu après elle la rouvre pour s'adresser aux parents du petit garçon :
   « Ne dites pas à votre fils de faire pipi contre mon balcon ! »
   La femme referme la fenêtre et les parents et le petit garçon poursuivent leur chemin ; ils n'étaient que des passants qui étaient près de nous par hasard.

Une minute plus tard – je suis en train de raconter l'histoire du squat – la femme rouvre la fenêtre et dit :
   « Je viens d'appeler la police.
   – Très bien, madame. Bonne journée ! »

La femme ferme la fenêtre et immédiatement elle la rouvre pour ajouter :
   « Et j'ai filmé la scène de pisse avec mon téléphone.
   – Formidable ! Et habillez-vous, madame ! Il fait trop froid aujourd'hui pour se présenter nue à la fenêtre ouverte.
   – Je suis à la maison et à la maison je me présente comme je veux.
   – Une adulte dévêtue qui a filmé un petit garçon en train de faire pipi. Je suis sûr que la police va trouver ça très intéressant. »

Boum ! La femme ferme la fenêtre et je veux finir l'histoire du squat mais maintenant une femme au squat ouvre une fenêtre et elle crie :
   « C'est quoi, cette histoire de merde que tu racontes sur nous ? Va te faire foutre avec tes touristes débiles ! »

Les touristes et moi, nous continuons et quelques minutes plus tard, dans un café, je répète le spectacle en anglais et je dois plusieurs fois assurer au groupe qu'on n'a rien fait d'illégal.

3. September 2017

Da wo die Politik zu Hause ist

Tagebuch eines Stadtführers #2



Bin heute mit einer französischen Schulklasse unterwegs. Gegen Ende der Tour halten wir gegenüber der Museumsinsel an einem ockerfarbenen Haus. Ich lenke die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die zwei Polizisten, die vor dem Haus stehen, und erzähle, dass dort immer Polizisten stehen, weil in dem Haus eine berühmte Persönlichkeit wohnt.

„Justin Bieber!?“ kreischt eine Schülerin.
„Nein“, widerspreche ich, „Justin Bieber mag eine berühmte Persönlichkeit sein, aber er lebt nicht in Berlin. Bei der Person, die in diesem Gebäude wohnt, handelt es sich um eine Frau, die im Regierungsviertel arbeitet.“

„Angela Merkel!“ ruft ein Schüler. „Angela Merkel! Es ist Angela Merkel! Angela Merkel wohnt hier.“
„Bingo!“ sage ich.
„Und ist sie gerade zu Hause?“ fragt der Schüler.

Um festzustellen, ob die Kanzlerin zu Hause ist, schlage ich vor, ihr ein Ständchen zu bringen. „Wie wär's mit der französischen Nationalhymne?“ sage ich. „Ich bin mir sicher, Angela Merkel steht drauf. Und wenn sie zu Hause ist, kommt sie bestimmt raus und macht mit euch Selfies.“

Die Schüler fangen sofort an zu singen. Doch anstatt mit der echten Merkel ein Selfie zu machen, müssen sie sich mit Merkels Konterfei auf einem Wahlplakat begnügen. Ein Junge scheint enttäuscht zu sein; ich höre, wie er zu einem Mitschüler über mich sagt: „Der Typ hat seinen Job verfehlt.“

1. September 2017

Prekariatsjetset

Pre|ka|ri|ats|jet|set (das) (lat./engl.) sich in unsicheren finanziellen Verhältnissen befindende Gesellschaftsschicht, die sich mittels Billigflügen an internationalen Orten trifft

24. August 2017

Die Pipi-Affäre

Tagebuch eines Stadtführers #1



Wir halten mit Blick auf ein besetztes Haus. In einem anderen Haus, direkt hinter uns, öffnet eine Frau ein Fenster, und ruft: „Sie, ja, Sie, der Herr Sprecher. Der kleine Junge da, der pinkelt gerade an meinen Balkon.“
„Wenn es der kleine Junge ist, der an Ihren Balkon pinkelt, warum wenden Sie sich dann an mich?“ frage ich.
„Weil Sie halt der Sprecher sind.“
„Aber, Madame“, entgegne ich, „mein Metier nennt sich nicht Sprecher, sondern Stadtführer. Und ich habe niemanden dazu verführt, an Ihren Balkon zu pinkeln.“

Die Frau schließt das Fenster, um es gleich drauf wieder zu öffnen und um sich an die Eltern des Jungen zu wenden: „Verführen Sie Ihr Kind gefälligst nicht dazu, an anderleuts Balkon zu pinkeln“.
Die Frau schließt das Fenster und die Eltern und der Junge gehen weiter; sie waren bloß Passanten, die zufällig neben uns waren.

Eine Minute später – ich bin gerade dabei, die Geschichte des besetzten Hauses zu erzählen – öffnet die Frau das Fenster erneut und sagt: „Ich habe jetzt die Polizei gerufen.“
„Sehr gut!“ lobe ich. „Und schönen Tag noch!“

Die Frau schließt das Fenster und öffnet es sofort wieder. „Und ich habe die Pinkelszene mit meinem Handy gefilmt“, sagt sie.
„Wunderbar!“ erwidere ich. „Und ziehen Sie sich was an, gute Frau! Es ist heute ein wenig zu kühl, um sich nackt am offenen Fenster zu präsentieren.“
„Ich bin hier bei mir zu Hause!“ sagt die Frau. „Und bei mir zu Hause präsentiere ich mich wie ich will.“
„Eine nackte Erwachsene, die einen kleinen Jungen beim Pullern filmt“, fasse ich zusammen. „Das wird die Polizei bestimmt sehr interessant finden.“

Rummms! Die Frau schließt das Fenster und ich hätte jetzt wohl die Geschichte des besetzten Hauses zu Ende erzählen können, wenn nun nicht im besetzten Haus eine Frau ein Fenster geöffnet und geschrien hätte: „Was erzählst du denn da für einen Scheiß über uns! Verpiss dich mit deinen Scheiß-Touristen!“

Ich verpisse mich mit meinen verängstigten Touristen in ein Café, wiederhole das Fensterspektakel auf Englisch und muss mehrmals versichern, dass die Gruppe nichts Illegales getan hat.

30. Juni 2017

MallDova

How do they call shopping malls in Moldova? – MallDova.

25. Juni 2017

Ladendamen

Ein Schild im Fenster eines Waschsalons verrät mir:

Wir suchen
LADENDAMEN
ab sofort
halbtags
zu guten Konditionen!

Der Waschsalon sucht Ladendamen? Was ist denn eine Ladendame? Eine sich im Laden befindende Dame, deren Jobprofil wie aussieht? Waschberatung? Weißes nicht mit Buntem? Die Waschmaschine nicht zu voll packen? Oder hat sich die Ladendame gar auf den Waschmaschinen zu räkeln? Damit die werte Kundschaft ein wenig Unterhaltung hat? Und dazu animiert wird, immer mehr und immer wieder Wäsche in diesem Waschsalon zu waschen?

Die Ladendamen werden ab sofort gesucht, das ist gut, ich bin auf Jobsuche, aber werden auch Ladendamen mit Damenbart eingestellt? Nun, Dame ist Dame, ob ohne oder mit Bart. Und mich auf Waschmaschinen räkeln, damit hab ich Erfahrung. Ich liebe es, mich auf einer Waschmaschine zu räkeln, vor allem während des Schleudergangs. Das vibriert so schön.

Doch es ist gut, dass die Stelle bloß halbtags angeboten wird. Von dem Vibrieren nämlich wird mir nach einer Weile schwindelig, das hielte ich auf Vollzeit nicht durch.

Und als ob ich nicht schon genug angefixt wär von dem Job, steht da zudem: zu guten Konditionen! Welche guten Konditionen blieben denn noch auszuhandeln? Dass ich die Wäsche mit meinen Räkel-Moves nur auf maximal 40 Grad anheizen muss anstatt auf 60 oder 90? Also, solch ein heißes Gerät bin ich inzwischen nicht mehr, dass ich Wäsche noch zum Kochen kriege. Lauwarm ist realistischer und dazu vielleicht Käffchen anbieten und Schnittchen rumreichen. Und mit der Standkundschaft trink ich auch mal einen Prosecco und tausche Strickmuster. Und in der Pause schnüffel ich heimlich am Weichspüler.

19. März 2017

BRD

Irgendwas muss bei meinem Flug heute morgen schief gelaufen sein... Anstatt in Bukarest scheine ich in der BRD gelandet zu sein:

7. März 2017

Auf den Spuren von Krystle Carrington







Katoomba, Blue Mountains

8. Februar 2017

Die Marine Le Pen von Mittelfeld

Mittelfelder Kurier #6



Die Offene Schule, jüngste Bildungsinitiative des Kultusministeriums, ermöglicht es Eltern und Großeltern, gemeinsam mit ihren Sprösslingen am Schulunterricht teilzunehmen.

Die erste Mittelfelderin, die die neue Chance nutzt, ist Marianne Bokel, Leiterin des örtlichen Seniorenwohnheims. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Frauke sitzt sie dreimal wöchentlich im Französischunterricht.

Die Lehrerin, diese linksversiffte Ökoschlunze, gefällt mir zwar nicht, sagt Marianne Bokel, aber leider ist sie hier in der Gegend das einzige Subjekt, das Französisch kann.

Nach ihrer Motivation gefragt, antwortet Marianne Bokel, ihrem Idol näher sein zu wollen, der französischen Politikerin Marine Le Pen (Front National). Zukünftig will ich Madame Le Pens Facebook-Postings und Twitter-Tweets lesen können, erklärt Marianne Bokel.

Dem Mittelfelder Kurier gegenüber hat die zuständige Lehrerin Dorit Kersting eine vorläufige Beurteilung der neuen Schülerin abgegeben: Frau Bokel fällt es schwer, sich auf den Unterricht einzulassen. Anstatt Schritt für Schritt die Grundlagen der französischen Sprache zu erlernen, interessiert sie sich vor allem für die Übersetzung rechtspopulistischer Parolen. Aufgrund mangelnder Integrationsbereitschaft werde Marianne Bokel der Gastschülerinnenstatus wohl bald entzogen werden müssen.

29. Januar 2017

Tante Emma 2.0

Mittelfelder Kurier #5



Inspiriert von einem Berlin-Trip hat Emma Schmitz ihren Gemischtwarenladen umgestaltet. Vorn im Laden gibt es nun eine Sofaecke zum Getränke konsumieren. Damit, so die Ladenbesitzerin, wolle sie die Lücke schließen, die durch den Niedergang jeglicher lokaler Gastronomie entstanden sei. Aus den Lautsprechern erklingt elektronische Musik und ein bislang ungenutztes Hinterzimmer möchte Emma Schmitz künftig via Airbnb an Touristen vermieten.

Die Reaktionen auf die Neuerungen fallen unterschiedlich aus. Der Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, Winfried Hagemann, bezeichnet die neue Version des Tante-Emma-Ladens als weiteres Indiz für Mittelfelds zunehmenden Sittenverfall.

Die Lehrerin Dorit Kersting hingegen ist begeistert und möchte im Laden gern Konzerte und Lesungen veranstalten und auch Vorträge über vegane Ernährung halten. Und Dorit Kerstings Mitbewohner, Amir Barakat, einziger in Mittelfeld ansässiger Geflüchteter, freut sich, dass es im Ort endlich einen Club gibt. Er nennt Emma Schmitz’ Laden das Berghain von Mittelfeld.

Gar nicht angetan von den Veränderungen ist Marianne Bokel, Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Sie sähe durch mögliche Touristen die Sicherheitslage und den sozialen Frieden gefährdet. Emma Schmitz weist solche Vorwürfe zurück und meint, dass der soziale Frieden wohl eher in Marianne Bokels Familie gefährdet sei. Handelte es sich bei dem ersten Interessenten, der in dem Hinterzimmer übernachten wollte, doch um Marianne Bokels Vater, Dietrich Bokel, der aus dem Seniorenheim ausgebüxt war, mit der Begründung, seine Tochter sei unerträglich dumm und wisse nicht, von wann bis wann Fidel Castro Reichskanzler war.

23. Januar 2017

Twitterkratie

Twit|ter|kra|tie (die) (engl./griech.) Herrschaftsform, in der Regierende mit dem Volk über Mikrobloggingdienste kommunizieren

20. Januar 2017

So feiert Abraham Lincoln Donald Trumps Amtseinführung



Ex-Präsident Abraham Lincoln feiert die Amtseinführung des neuen Präsidenten Donald Trump nicht in Washington, sondern an einem Backsteinpfeiler in Berlin-Schöneberg.

18. Januar 2017

Die Alten wandern ab

Mittelfelder Kurier #4



Während es andernorts die jungen Leute sind, die ländliche Regionen verlassen, sind es in Mittelfeld die alten Menschen, die abwandern.

Wenn ich in ein paar Jahren zum letzten Mal meinen Laden abgeschlossen hab, ziehe ich gleich tags drauf nach Göttingen oder Kassel oder gar nach Berlin, sagt Emma Schmitz, Besitzerin von Mittelfelds Gemischtwarenladen. Wenn ich nicht weggehe, lande ich am Ende noch bei der Bokel im Altenheim, bei der Bokel, dieser Nazischickse.

Marianne Bokel räumt in einem Telefonat mit dem Mittelfelder Kurier ein, in ihrem Seniorenheim Nachwuchsprobleme zu haben. Diese blöde Schmitz, diese ignorante Tante Emma vom Gemischtwarenladen, ist nicht die Einzige, die abhauen will, berichtet Marianne Bokel. Und wenn die Alten nicht bis zum Tod in Mittelfeld blieben, beschädige dies die hiesige Wirtschaftsordnung. Aufgrund der ungenutzten Heimplätze habe ich bereits eine Mitarbeiterin entlassen müssen, beklagt sich Marianne Bokel.

Und auch ihre Nichte Marion Bokel, Chefin des ortsansässigen Bestattungsunternehmens, fühlt sich von der sinkenden Seniorenzahl negativ betroffen. Zitat Marion Bokel: Erst bleiben die Seniorenheimzimmer leer und dann die Särge.

Im Kontrast dazu verzeichnet Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, keinen Rückgang an gefüllten Särgen. Die Zahl der Beerdigungen liege in seiner Gemeinde genauso wie die Summe der Gemeindemitglieder seit Jahren konstant bei Null.

6. Januar 2017

Ost oder West?

Mittelfelder Kurier #3



Eine Frage, die unsere Leserschaft umtreibt, lautet: Liegt Mittelfeld im Osten oder Westen Deutschlands? – Der Mittelfelder Kurier hat sich auf Recherche begeben.

Zuerst treffen wir Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes. Er bittet uns zum Interview in den Beichtstuhl, für den er aus Mangel an Gemeindemitgliedern sonst keine Verwendung hat. Der Pfarrer berichtet, momentan intensiv der Frage nachzugehen, welchem Bistum eigentlich seine Gemeinde angehört, weswegen ihm für solch weltliche Fragen wie nach Ost oder West die Kapazität fehle.

Unsere nächste Gesprächspartnerin ist Dorit Kersting. Die frisch mit dem Mittelfelder Gutmensch-Award ausgezeichnete Lehrerin sollte es als Bildungsvermittlerin doch wissen: Ost oder West, Frau Kersting? – Die Mittdreißigerin winkt ab. Ich mag nicht in Labels denken, sagt sie. Ost oder West, Nord oder Süd – mit solchen Einordnungen befasse ich mich nicht. Am Ende des Gesprächs aber lässt sie sich immerhin zu dem Statement hinreißen, dass Mittelfeld vermutlich in der Mitte Deutschlands zu verorten sei.

Im Anschluss haben wir einen Termin bei Marianne Bokel, der Leiterin des örtlichen Seniorenheims. Frau Bokel, die Alten um Sie herum, die meist ihr ganzes Leben in Mittelfeld verbracht haben, müssten den Ort doch ohne zu zögern dem Osten oder dem Westen zuweisen können. – Marianne Bokel schüttelt den Kopf. Da erwarten Sie zu viel von unseren Bewohnern, meint sie und stellt uns ihren fast 90-jährigen Vater Dietrich Bokel vor, der einst Bürgermeister von Mittelfeld war, politisch weit rechtsaußen gekickt hat, heute aber nicht mehr Adolf Hitler von Fidel Castro unterscheiden kann.

Nach dem Seniorenheim besuchen wir den Gemischtwarenladen von Emma Schmitz, die von den Kunden liebevoll Tante Emma genannt wird. Nach sieben Schnäpsen räumt sie ein, als IM Mittelfeldspielerin für die Stasi gespitzelt zu haben. Aber als IM war ich doch nicht in alles eingeweiht, sagt Tante Emma. Die Oberen hätten niemals durchblicken lassen, ob Mittelfeld im Osten und Westen läge.

Draußen vorm Laden begegnet uns Amir Barakat, Mittelfelds erster und bislang einziger Asylbewerber. Exklusiv fragen wir den Neubürger nach seiner Einschätzung: Befindet sich Mittelfeld im Osten oder Westen? – Der junge Mann antwortet, dass er Ostern besser findet als Western.

2. Januar 2017

Nafri-Kontrollen in Mittelfeld

Mittelfelder Kurier #2



Wie erst heute bekannt wurde, wurden in der Silvesternacht auch in Mittelfeld nordafrikanisch aussehende Männer kontrolliert. Die Kontrollen wurden allerdings nicht wie in Köln von der Polizei durchgeführt, sondern von der Mittelfelder Gefahrenabwehr (MGA), einer erst kürzlich gegründeten Bürgerwehr.

Die Polizei zeigt in Mittelfeld ja nur selten Präsenz, klagt Marianne Bokel, Betreiberin des örtlichen Seniorenwohnheims und Generälin der Bürgerwehr. Und wenn die Polizei versagt, müssen wir uns halt selbst schützen.

Gemeinsam mit ihrer Nichte Marion Bokel, Chefin des örtlichen Bestattungsunternehmens, patrouillierte Marianne Bokel an Silvester durch die Straßen Mittelfelds.

Gegen 23 Uhr dann sichteten die beiden Damen einen ihrer Einschätzung nach nordafrikanisch aussehenden Mann in Begleitung einer blonden Frau.

Wir haben sofort um die Sicherheit der blonden Frau gebangt, berichtet Marion Bokel.

Wie sich alsbald herausstellte, handelte es sich bei dem Mann jedoch nicht um einen Nordafrikaner, sondern um den Syrer Amir Barakat, den einzigen in Mittelfeld ansässigen Geflüchteten. Und bei der blonden Frau handelte es sich nicht um eine Frau, sondern um den deutschen Staatsbürger Dirk Kröger, der sich anlässlich einer Silvesterparty als Frau verkleidet hatte.

27. Dezember 2016

Der Katholik von Mittelfeld

Mittelfelder Kurier #1



Da er sogar an Weihnachten allein in seiner Kirche war, hat der Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, Winfried Hagemann, eine Kampagne gestartet, um mehr bzw. überhaupt Publikum anzuziehen. Ich möchte dieses Gotteshaus als moralischen Anker etablieren, sagt Pfarrer Hagemann, als moralische Instanz in einem immer unmoralischer werdenden Mittelfeld.

Eine dem Mittelfelder Kurier vorliegende Statistik offenbart, dass allein schon aufgrund der Religionszugehörigkeit der hiesigen Bevölkerung es ein katholischer Pfarrer in Mittelfeld nicht leicht hat. So geben 41% an, evangelisch zu sein, 35% konfessionslos, 14% keine Ahnung, 9% keine Angabe, 1% Sonstige.

Und jetzt ist auch noch dieser Flüchtling aus Syrien dazugekommen! klagt Pfarrer Hagemann. Damit hat Mittelfeld mehr Muslime als Katholiken.

Exklusiv begleitet der Mittelfelder Kurier Pfarrer Hagemann zu einem unangemeldeten Hausbesuch bei der Lehrerin Dorit Kersting, die Amir Barakat, den einzigen in Mittelfeld lebenden Geflüchteten, in ihre Wohnung aufgenommen hat. Pfarrer Hagemann unterstellt der Lehrerin und dem Geflüchteten, in einer inakzeptablen christlich-muslimischen wilden Mischehe zu leben. Das reinste Sodom und Gomorrha! urteilt der Pfarrer.

Zu den Vorwürfen sagt Dorit Kersting: Nein, ich unterhalte keine sexuelle Beziehung zu Herrn Barakat. Selbst wenn ich dies anstrebte, wäre mein Bemühen sinnlos, denn Herr Barakat ist schwul und hat bereits eine Beziehung mit dem im Nachbarort lebenden illegitimen Sohn des Pfarrers. Außerdem ist Herr Barakat kein Muslim, sondern Katholik.

Der Mittelfelder Kurier beglückwünscht Pfarrer Hagemann zum ersten potentiellen Mitglied seiner Gemeinde, allerdings hat Amir Barakat bereits via Twitter bekannt gegeben, lieber die Messe der Hochschulgemeinde in Göttingen zu besuchen.

23. Oktober 2016

Big in Bulgaria

 

You came a long way, Bulgaria – from socialist art to modern talking!

15. August 2016

Nationale Spionage-Direktion Abteilung Pokémon

Stehe mit einer Schülergruppe an der künftigen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND). Ein Schüler glaubt, der derzeitige deutsche Geheimdienst hieße Stasi; eine Mitschülerin widerspricht und sagt: "NSDAP."

18. Juli 2016

Wer ist sie?



Kam sie von einem fernen Planeten nach Berlin gereist, um die Bevölkerung vor steigenden Mietpreisen zu retten?

24. Mai 2016

Ost oder West?

Fragt heute eine Schülerin auf der Mauertour: "Ist das hier DDR oder ARD?"

6. Mai 2016

Chilenisches Kurzgedicht

Der Sozialismus in seinem Lauf
hielt der Margot ihren Tod nicht auf!

1. Mai 2016

Ristorante Felicità

Auf einen Vino mit Al Bano im Ristorante Felicità in Riga. Wir vermissen Romina. Wo ist sie? Klo? Shoppen?

4. April 2016

Oh, wie schön ist Panama (Papers Edition)

„In Panama“, sagte der kleine Bär, „ist alles viel schöner, weißt du. Denn Panama riecht von oben bis unten nach Briefkastenfirmen. Panama ist das Land unserer Träume, Tiger. Wir müssen sofort morgen nach Panama!“
„Sofort morgen“, sagte der kleine Tiger, „denn wir brauchen uns doch vor nichts zu fürchten, Bär. Aber meine Offshore-Ente muss auch mit.“

18. März 2016

Gehopst wie gesprungen

„Für jeden Syrer, den die Türkei wieder aufnimmt, erklären sich die Europäer im Gegenzug bereit, einen anderen syrischen Flüchtling legal direkt aus der Türkei nach Europa zu holen“, lese ich und denke, dass das doch ist wie: „Für jedes Kind, das Lea und Elias aus dem Sandkasten verscheuchen, darf ein anderes Kind in den Sandkasten kommen. Aber nicht jedes x-beliebige Kind. Und nur nach viel Geschacher.“

8. März 2016

25. Februar 2016

Bin ich ein Transmann?

Stets neugierig darauf, mehr über meine Persönlichkeit zu erfahren, fülle ich gern Fragebögen von Online-Beratungsstellen aus – zu Themen wie: Bin ich schizophren? Bin ich ein Helene-Fischer-Fan? Bin ich lesbisch? Oder: Bin ich wie meine Mutter?

Und heute ein Fragebogen zum Thema: Bin ich ein Transmann?

Die erste Frage lautet: Wurdest du als Frau geboren?
Ich antworte: Keine Ahnung. Kann mich an meine Geburt nicht erinnern.

Warum denkst du, dass du ein Transmann sein könntest?
Weil mir neulich nach einem Auftritt jemand gesagt hat, mein Name wäre ein guter Transmann-Name.

Wie heißt du?
Tom Mars.

Hast du dich schon einmal als Mann verkleidet?
Ja, das tue ich häufig, sogar ziemlich häufig, eigentlich sehr häufig.

Hast du dir schon einmal die Brüste weggebunden?
Nein, bei meinen Brüsten gibt es nicht viel zum Wegbinden.

Hast du dir vorn in die Unterhose schon einmal Socken gestopft? Oder Obst? Oder Gemüse?
Ja, Socken. Um zu kaschieren, dass bei mir vorn kaum Masse vorhanden ist.

Trägst du Männerkleidung auch außerhalb deiner vier Wände?
Klar. Aber nur an Abenden, an denen ich Auftritte hab.

Wie stehst du dazu, wenn dich jemand als Frau betitelt bzw. dich mit weiblichem Namen anspricht?
Ist mir egal. Ich gebe mir sogar selbst weibliche Namen. Zum Beispiel an Tagen, an denen ich mich so richtig verrucht fühle, unterschreibe ich meine Mails gern mit Chantal. Und wenn ich mich eher wie eine vertrocknete Kaktusblüte fühle, bevorzuge ich Waltraud oder Hildegard.

Was denkst du über Körperbehaarung?
Körperbehaarung macht mich unabhängig von der Rasierprodukteindustrie.

Hast du dir schon einmal vorgestellt, einen Bart zu haben?
Bloß vorgestellt hab ich mir das nur bis zur Einschulung. Dann hab ich aufgehört, mich zu rasieren.

Wie sieht dein Liebesleben aus? Welches Geschlecht bevorzugst du und wie fühlst du dich dabei?
Ich bevorzuge Männer und fühle mich schwul.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, eine Geschlechtsangleichung vorzunehmen?
Ich weiß nicht, an was ich mein Geschlecht angleichen sollte. Vielleicht an meine Wichsfantasien? Oder an die Fantasien meiner Eltern oder die der katholischen Kirche?

Stell dir vor, du würdest einer anderen Transperson begegnen. Wie würdest du dich dabei fühlen?
Ich stelle mir vor, wie ich einer Transperson im Supermarkt begegne; sie sitzt dort an der Kasse und mir ist die Begegnung unangenehm, weil ich, als ich zahlen will, bemerke, dass ich nicht genug Geld mithab.

Hast du schon mal mit jemandem über deine Gefühle gesprochen?
Selbstverständlich! Ich trete regelmäßig bei Poetry Slams auf, einem Veranstaltungsformat, bei dem die Zuschauer genötigt werden, sich meine Gefühle anzuhören.

Und wie malst du dir deine Zukunft aus?
Als futuristisches Gemälde.

Die Auswertung des Fragebogens wird mir kurze Zeit später zugemailt und fällt recht knapp aus: Deine Gefühle sind sehr verschieden. Du bist dir noch nicht sicher.

Sicher hingegen ist sich die Gala; die Gala hält mich für eine Frau und schickt mir folgenden Werbebrief:

Sehr geehrte Frau Mars,
zum Frauentag alles Gute! Am 8. März ist Internationaler Frauentag, ein wichtiger Tag, an dem traditionell Blumen verschenkt werden. Machen Sie es in diesem Jahr einmal ganz anders und gratulieren Sie sich selbst auf ganz besondere Art und Weise – mit dem Gala-Miniabo!


Also... Wenn ich mir schon selbst gratulieren muss, zu was auch immer, dann bestimmt nicht mit einem Gala-Miniabo. Und ebenso wenig mit einem Miniabo der Auto Bild. Die Auto Bild definiert mich als männlich und schreibt mir:

Sehr geehrter Herr Mars,
zum Herrentag alles Gute! An Christi Himmelfahrt ist Herrentag, ein wichtiger Tag, an dem traditionell Alkohol konsumiert wird. Machen Sie es in diesem Jahr einmal ganz anders und gratulieren Sie sich selbst auf ganz besondere Art und Weise – mit dem Auto Bild-Miniabo!


Verpisst euch! Gar nichts mache ich in diesem Jahr ganz anders! Ich gehe ich in diesem Jahr ganz traditionell vor: Zum Frauentag stelle ich mir Blumen in die Vase und am Herrentag benutze ich die Vase als Bierkrug.

14. Februar 2016

Machu Picchu aufs Ohr

Studioversion



Produktion & Regie: Riccardo Vino

1. Februar 2016

TiM



Gent

30. Januar 2016

15. Januar 2016

Beim Barte des Schwimmers

Die Stadt Bornheim in Nordrhein-Westfalen verbietet männlichen Flüchtlingen den Zugang zum städtischen Hallenbad? Häh? Bin ganz spontan hingefahren, aber nicht reingekommen, weil mein Bart als zu muslimisch und mein Handtuch als Gebetsteppich eingestuft wurde.

14. Januar 2016

Machu Picchu



„Dein Vater ist aufm Machu Picchu!“ kräht meine Mutter durchs Telefon. „Und den Schambereich seiner Freundin nennt er Mekong-Delta.“

Mein Vater nennt den Schambereich seiner Freundin Mekong-Delta? Mir hat er erzählt Marianengraben. Weil die Freundin doch Marianne Grabner heißt.

„Dein Vater bringt mit seinen Fernreisen noch dein ganzes Erbe durch!“ fährt meine Mutter fort. „Peru! Bolivien! Kambodscha! Laos! Vietnam! Was will der denn da? Und das in seinem Alter!“

Nachdem mein Vater zurückgekehrt ist vom Machu Picchu, ruft er mich an und schnaubt: „Deine Mutter ist in Tirol! Und macht dort einen Seidenmalkurs. Warum will die denn nicht lieber was erleben? In ihrem Alter! Bald ist sie tot, aber sie verschwendet die Zeit, die ihr noch bleibt, mit Seidenmalerei in Tirol!“

Die Bilder meiner Mutter tragen Titel wie Alpenglühen bei Kitzbühel, Morgentau bei Kufstein oder Wandersrast im Zillertal.

„Du, Papa“, frage ich, „wie hast du eigentlich damals Mamas Schambereich genannt?“

„Gletscherspalte.“

Ich frage nicht, welchen Kosenamen meine Mutter dem Pimmel meines Vaters gegeben hat, denn den Namen kenne ich bereits: Lockenstab. Vor lauter Locken ist kaum der Stab zu sehen.

Zum Geburtstag schickt mir meine Mutter eine ihrer Seidenmalereien. Selbstbildnis am Großglockner. „Große Glocken?“ meint eine Freundin. „Steh ich drauf!“ Und ich überlasse ihr das Bild und dazu noch Mutters Telefonnummer.

„Du, Tom, sag mal“, schreibt mir meine Mutter tags drauf eine SMS. „Diese Freundin, der du meine Telefonnummer gegeben hast, ist die vielleicht ein warmer Bruder?“

Ich antworte: „Sie ist so warm, dass sie eine Gletscherspalte in einen Vulkan verwandeln kann.“

Daraufhin höre ich monatelang nichts von meiner Mutter. Von der Freundin auch nicht.

Nachdem mein Vater von einer Reise nach Madagaskar zurückgekehrt ist, ruft er mich an und berichtet: „Deine Mutter ist in Venedig, zusammen mit einer lesbischen Freundin von dir. Diese Freundin nennt den Schambereich deiner Mutter Lagune der Lust.“

Ich beende das Telefonat. Meine Eltern sind mir peinlich. Lagune der Lust! Mekong-Delta! Lockenstab! Ich nenne meinen Penis einfach bloß Schwanz und meine Brustwarzen heißen Eins und Zwei und meine Arschbacken A und B.

Mein Vater fände mich ziemlich langweilig, raunt mir Vaters Freundin bei einer Familienfeier zu. Mein Vater dächte sogar daran, einen Vaterschaftstest zu machen, um festzustellen, ob meine Mutter nicht mit dem Postboten gepimpert hat oder ich bei der Geburt vertauscht wurde. „Mein Vater spinnt!“ erwidere ich. „Er ist definitiv mein Vater. Wir haben denselben Lockenstab.“

In der S-Bahn frage ich ein spießig aussehendes älteres Touristenpärchen, ob sie nicht meine Eltern sein wollen. Das Pärchen schaut mich erschreckt an. „Was würden denn unsere Nachbarn sagen“, jammern sie, „wenn wir von unserer Berlin-Reise einen schwulen Sohn mit nach Hause bringen?“

Traurig sitze ich an der Spree. Potentiellen Adoptiveltern bin ich zu schwul, den biologischen Eltern nicht schwul genug. So wünscht sich mein Vater, dass ich an RuPaul's Drag Race teilnehme, einer Art Germany's Next Topmodel für Nachwuchstravestiekünstlerinnen. Und meine Mutter reißt mir beim CSD das T-Shirt vom Leib. Sie hat die Phase mit der Seidenmalerei hinter sich gelassen und interessiert sich nun für Bodypainting.

Ich habe Eltern, die stets ohne Probleme ins Berghain kommen, während ich stets an der Tür abgewiesen werde. Und während ich mich schon schäme, unter der Dusche im Schwimmbad die Badehose auszuziehen, besitzen meine Eltern ein Bootshaus an einem See in Mecklenburg-Vorpommern, in der weltweit einzigen Bootshauskolonie, die ausschließlich von Nudisten bevölkert ist.

Zum 10-jährigen Jubiläum ihrer Scheidung haben uns meine Eltern in einen Swingerclub eingeladen. „Fickt euch!“ sage ich und mein Freund bucht uns stattdessen ein Wochenende auf Usedom.

23. Dezember 2015

19. Dezember 2015

Natürliche Schönheit kommt von außen



Hab mich im Château de Beauté für die Festtage aufmöbeln lassen: mehr Lippen, mehr Augen, weniger Nase und neue Haare. Jetzt kann Weihnachten kommen!

6. Dezember 2015

Terror in der Provinz

Eine E-Mail-Korrespondenz mit meiner Mutter, wohnhaft im Kalifat Ostwestfalen.


Meine Mutter schreibt:

Lieber Tom,
mache mir solche Sorgen um dich. Und Margit Depenbusch und Ingeborg Hülstorf haben sich auch schon nach dir erkundigt. Wie ergeht es dir denn momentan in Berlin? Leben die Menschen in Berlin in ebenso großer Terrorangst wie in Paris und Brüssel? Städte, in denen du bereits warst. Nicht auszudenken, was dir dort alles hätte zustoßen können!
Meld dich mal!
Viele Grüße
Deine Mutter


Ich antworte:

Liebste Mutter,
mache mir auch Sorgen um dich. Wie ergeht es dir denn momentan in Ostwestfalen? Hab gelesen, dass heute bei dir in der Nähe, in Rahden im Kreis Minden-Lübbecke, ein Terroreinsatz stattgefunden hat. Die Polizei ist einem Hinweis gefolgt, nach dem der international gesuchte Bruder eines der Selbstmordattentäter von Paris sich in Ostwestfalen aufhalten könnte. Im Visier standen eine Wohnung sowie ein Fahrzeug. Stundenlang waren mehrere Straßen abgeriegelt und im Laufe des Einsatzes wurden neun Menschen kontrolliert, darunter drei Kinder.
Lebt im Kreis Minden-Lübbecke nicht auch die Tochter von Margit Depenbusch? Hoffe, ihr ist nichts zugestoßen.
Bussi, Bussi!
Bis bald!
Dein Sohn


Meine Mutter lässt ein paar Tage verstreichen, ehe sie eine neue Nachricht verfasst:

Lieber Tom,
möchtest du eigentlich immer noch über Weihnachten an die Côte d'Azur fahren? Jetzt, wo es in Frankreich so gefährlich ist? Willst du über Weihnachten nicht doch lieber in deine westfälische Heimat kommen?


In meine westfälische Heimat? In meine westfälische Heimat, die sich im Fadenkreuz des Terrors befindet?
Hast du nicht gehört, was gestern in Beckum passiert ist? In Beckum im Kreis Warendorf hat eine Schülerin eine Brandgranate mit zum Unterricht gebracht und damit einen Einsatz des Kampfmittelräumdienstes ausgelöst. Und die Evakuierung des Gebäudes und die Absage eines Elternsprechtages verursacht.
Lebt in Beckum nicht auch der Sohn von Ingeborg Hülstorf? Hoffe, ihm ist nichts zugestoßen.


Meine Mutter schweigt für ein paar Wochen und meldet sich erst wieder an Heiligabend:

Lieber Tom,
ein frohes Weihnachtsfest wünsche ich dir. Hoffe, dir geht es gut in Frankreich. Bist du eigentlich allein dorthin gereist oder zusammen mit deinem Freund? Du solltest dich jedenfalls vor deinem Freund in Acht nehmen, weil er stammt doch aus Syrien. Vielleicht hat er Kontakt zum Islamischen Staat und will dich in die Luft sprengen.


Liebste Mutter,
mein Freund stammt nicht aus Syrien, sondern aus Zypern. Beide Ländernamen haben zwar sechs Buchstaben, von denen jeweils einer ein Y, einer ein R, einer ein E und einer ein N ist, ansonsten aber handelt es sich um zwei verschiedene Länder.
Und hast du schon gehört, dass die Tochter von Margit Depenbusch ihren Mann dazu zwingt, im Bett eine Burka zu tragen?

3. November 2015

Tod zweier Freibäder



Das BVG-Freibad in Berlin-Lichtenberg diente als Trainingsstätte für die Olympischen Spiele 1932 und 1936. Eine Wiederbelebung als Sommervolksbad erfolgte erst in den 70er Jahren. Seit Ende der 80er ist das Bad geschlossen.







Weiter östlich, in Kaulsdorf, befindet sich das Wernerbad, 1905 eröffnet als erstes Freibad Berlins und geschlossen seit 2002:



1. November 2015

Transitzonen

CDU und CSU möchten für neu ankommende Flüchtlinge Transitzonen einrichten, aus denen als unberechtigt eingestufte Asylbewerber sofort wieder abgeschoben werden sollen. Transitzone ist für dieses Vorhaben allerdings der falsche Begriff, denn Transitzone bedeutet Durchgangszone. Für das, was CDU und CSU beabsichtigen, existiert ein anderes Wort: Sackgasse.

25. Oktober 2015

Fliegerhorst Schönwalde



Im einem Wald nordwestlich von Berlin – zwischen Hennigsdorf, Bötzow und Schönwalde – versteckt sich ein ehemaliger Fliegerhorst, erbaut in den 1930er Jahren, bis Kriegsende genutzt von der deutschen Luftwaffe und von 1945 bis 1992 von der Sowjetarmee.







16. September 2015

Hollywood steht Kopf



Die Volksbühne stellt Hollywood auf den Kopf!

9. September 2015

Das explodierte Lama



Es war einmal in Westfalen. Im Westfalen meiner Kindheit waren ausländische Elemente gern gesehen in Form eines Eiscafés Venezia, einer Pizzeria Roma oder eines China-Restaurants Shanghai. Die Menschen fühlten sich weltgewandt, wenn sie einen Ouzo tranken oder eine ungarische Gulaschsuppe löffelten.

Und dann – 1989 – zogen Aliens in unsere Siedlung. Der Schilderung meiner Eltern nach musste es sich bei der Familie, die gerade drei Häuser weiter eingezogen war, um eine Klingonenfamilie handeln. Neugierig drückte ich mich nahe ihrer Terrasse herum und stellte fest, dass es sich nicht um Klingonen handelte, sondern um DDR-Bürger.

"Und unten an der Straßenecke, da lauern die Russen!" behauptete mein Vater. Ich konfrontierte ihn mit der Aussage von Peter, dem Sohn der Russen, der mir erklärt hatte, dass er zwar in der Sowjetunion geboren sei, seine Familie aber deutsche Vorfahren habe. Worauf mein Vater erwiderte, dass es – um nach Deutschland kommen zu können – doch schon ausreiche, mal einen Deutschen Schäferhund gehabt zu haben.

Wenn es bloß eines Schäferhundes bedarf, um sich in Deutschland niederlassen zu können, warum hat das dann bisher niemand den derzeit zu uns strömenden Flüchtlingen gesagt?

Vom Schäferhund schweife ich nun zu einem anderen Tier. Das andere Tier hieß Yvonne. Yvonne war die Tochter von Freunden meiner Eltern – ein Mädchen, welches gern eine weiße Kunstfelljacke trug, in der es aussah wie ein explodiertes Lama. Ich mochte die Jacke nicht. Yvonne ihrerseits mochte Abdul nicht, einen libanesischen Jungen aus unserer Kindergartengruppe. Auf einem Gruppenfoto hat Yvonne Abduls Gesicht mit einem schwarzen Filzstift übermalt.

Ihre Mutter war entsetzt. Aber nicht ganz so entsetzt wie an dem Tag, als ich es gewagt habe, Yvonne zu gestehen, dass ich ihre Jacke nicht mag.

Ohne Jacke – es ist Sommer – radele ich Jahrzehnte später als Stadtführer mit einer Gruppe neureicher Westfalen durch Kreuzberg. Im Görlitzer Park sehen wir viele türkische Familien beim Grillen. Ein Mann aus meiner Touristengruppe deutet auf die Grillenden und äußert, dass er die da gern mal grillen würde.

Der Mann will Menschen grillen? Ist dieser Westfale etwa vom Katholizismus zum Kannibalismus konvertiert?

Es ist an der Zeit, dass Bibi Blocksberg herbeifliegt und eine kleine Bühne in den Görlitzer Park zaubert; ich trete an das Mikrofon und rezitiere einen meiner Poetry Slam-Texte, der mit den Worten endet: “… und wenn du an deinem Hass nicht gestorben bist, so hasst du noch heute.”

19. August 2015

Bloß zwei Buchstaben von Brüssel entfernt



Eben noch irgendwo in Brandenburg und nun muss ich bloß noch zwei Buchstaben austauschen und ich bin in Brüssel!

17. August 2015

Moos Street Art



Eine mir bislang nicht bekannte Variante von Street Art: Moos an Wände kleben!