29. Januar 2012

Liebe verdient Respekt



Hab mir vorgenommen, mich mehr gegen rechts zu engagieren. Wenn ich also besoffen durch einen Club torkele und kotzen muss, kotze ich nicht mehr simpel geradeaus nach vorn, sondern drehe noch schnell den Kopf und übergebe mich dann nach rechts. Ich brech auf rechts! Politisch korrekt kotzen, nenne ich das.

In der Eile registrier ich meist erst nach der Tat, wer oder was sich neben mir befindet. Mal hab ich sportlich über einen Barhocker gegöbelt, mal auf einen Rucksack und in dieser Nacht stand da mein neuer Freund und ich hab mich auf seinem T-Shirt entleert. Sein Oberkörper ist übersät mit kaum verdauten Spaghetti.

Eine Frau fängt an, mich als rassistisches Arschloch zu beschimpfen. Was mir einfiele, einen dunkelhäutigen Mann vollzureiern! Andere Gäste pflichten ihr bei und alsbald werde ich von einem Security aus dem Club geführt und draußen auf den Bürgersteig geschubst. Ich falle hin und beobachte meinen aufgebrachten Freund, wie er sich das T-Shirt auszieht und es an der Glatze des Securitys abwischt. Der Security bezeichnet meinen Freund als Scheißnigger und mich als Scheißniggerficker. Eine Passantin beschimpft den Security als rassistisches homophobes Arschloch. Eine Polizeistreife stoppt am Rinnstein und die Beamten halten meinen Freund für einen Drogendealer und legen ihm Handschellen an. Und ich möchte einfach nur vorspulen…

… vorspulen bis zu der Stelle, wo ich neben meinem Freund im Bett aufwache und er sagt: „Dein Engagement gegen rechts in Ehren, Tom, aber bloß weil du mit mir zusammen bist, brauchst du nicht zu denken, dich besonders engagieren zu müssen.“

Seit wir ein Paar sind, fühle ich mich nahezu gezwungen, mich zu engagieren. Seit ich ihn kenne, werde ich ständig gefragt, ob denn schwarze Männer nun wirklich einen so großen Schwanz haben. Selbst mein Opa hat das gefragt! „Opa“, hab ich geantwortet, „wenn du im Krieg anstatt nach Russland zu marschieren den Afrikafeldzug mitgemacht hättest, dann wüsstest du es längst!“

Das viele Saufen und Kotzen gegen rechts fordert seinen Tribut. Ich bin hagerer geworden und wäre mein Körper Italien, würde mir die Hose mindestens bis Neapel herunterhängen.

Meine Mutter serviert mir ein deftiges Mittagessen und beim Nachtisch meint sie: „Du hast da einen Ausschlag am Hals! Ist das irgendeine Schwulenkrankheit? Oder bekommt man das, wenn man mit einem Afrodeutschen schläft?“

Dass meine Mutter Knutschflecken nicht als solche identifizieren kann, wundert mich nicht, so lange wie die sich schon sexuell deaktiviert verhält.

Es wundert mich ebenso wenig, dass ich als Kind geglaubt habe, meine Mutter wäre die Reinkarnation von Adolf Hitler. Abgesehen von ihrem Gelabere sprechen mindestens zwei weitere Dinge dafür: Erstens, dass sie wie Adolf Hitler am 20. April Geburtstag hat und zweitens, dass sie ein Oberlippenbärtchen trägt.

Die Mutter von meinem Freund ist nicht besser: Bloß weil ich kurz geschorene Haare hab, glaubt sie, ihr Sohn wäre mit einem Neonazi liiert. Und sein Vater hat ihm ein Pfefferspray geschenkt, damit mein Freund sich besser gegen mich verteidigen kann, falls ich ihn schlagen sollte.

Um Abstand zu gewinnen, fahren wir für ein paar Tage an die Ostsee. Als wir zurück sind, behaupten wir, wir hätten heimlich geheiratet. Wir geben eine Hochzeitsparty. Unsere Mütter tauschen Kochrezepte aus, unsere Väter unterhalten sich über Waffen. Und anstatt eine Rede zu halten, öffnet mein Freund seine Hose und zeigt allen seinen… relativ großen… Feuer speienden… Drachen, den er sich kürzlich auf die Hüfte hat tätowieren lassen.