20. Januar 2012

Versink bis die Blondine singt



Ein Kreuzfahrtschiff namens „Costa Concordia“ ist vor einer kleinen italienischen Insel auf Grund gelaufen. Tagelang verfolge ich die Nachrichten und denke auch am sechsten Tag nach dem Unglück noch, dass es sich nicht ziemt, darüber Witze zu machen. So habe ich niemandem anvertraut, dass mich der Name des Schiffes an den Schlagersänger Costa Cordalis erinnert. Und ich habe auch nicht gewagt, die Frage aufzuwerfen, warum die kleine italienische Insel statt Giglio nicht Giotto heißt.

Allerdings während des sechsten Tages nach dem Unglück taucht in den Medien eine Blondine auf, die sich zum Zeitpunkt des Aufpralls mit dem Kapitän auf der Brücke aufgehalten haben soll. Komisch, wundere ich mich, Brigitte Nielsen befand sich an jenem Abend doch bereits im Dschungelcamp.

Spätestens wenn eine Blondine in einem medialen Handlungsstrang aufkreuzt, zerfällt meine ernsthafte Haltung und ich denke wahlweise an Hollywoodfilme oder an Pornos. Und als ich lese, dass die mysteriöse Schiffsbrückenblondine aus Moldawien stammt, ordne ich sie in die Kategorie „Porno“ ein. Und schäme mich dafür, weil in mir so viele Vorurteile über Menschen aus Osteuropa stecken. Schnell sortiere ich die Protagonistin um in die Kategorie „Hollywood“ und stelle mir die Frau in einem Remake von „Liebesgrüße aus Moskau“ vor.

Das mit der Einordnung in Hollywood oder Porno gestaltet sich zunehmend als schwierig. Bereits bei Bettina Wulff und Stefanie zu Guttenberg hatte ich Probleme. Hab die beiden vorerst unter der provisorischen Behelfsrubrik „Schlossbewohnerin“ abgeheftet.

In manchen Episoden, wie bei Wulff und Guttenberg, ist die Blondine von Anfang an im Cast. In vielen Fällen jedoch dauert es ein wenig bis auf einem Bild im Internet, Fernsehen oder in der Zeitung eine Blondine erscheint. Selten musste ich derart lange warten wie bei der Tsunami-Katastrophe von Weihnachten 2004. Am 26. Dezember 2004 löst ein Erdbeben im Indischen Ozean eine verheerende Flutwelle aus. Doch erst am 9. Januar 2005, 14 Tage später, fliegt Sabine Christiansen nach Colombo. In ihrer Eigenschaft als Unicef-Botschafterin kümmert sie sich um die Menschen auf Sri Lanka. Der Zeitungsleser, Fernsehzuschauer, Internetuser kann sich endlich entspannen. Sabine Christiansen wird die Welt schon wieder in die Angeln hieven. Menschheit, relax! Die Blondine ist da!

Blondinen werden oft als die Guten dargestellt, andererseits aber auch als blondes Gift tituliert. Das ambivalente Image macht Blondinen interessant. Das will mein Mitbewohner auch. Und er kauft sich im Drogeriediscounter eine Packung Homeblondierung. Das Experiment misslingt, meines Mitbewohners Kopf leuchtet karottenfarben.

Und meine Haarfarbe? Gern wird meine Haarfarbe als mittel- oder dunkelblond bezeichnet. Mittel- und dunkelblond – das sind die Haarfarben für die, wo es die Gene versucht, aber nicht richtig geschafft haben. Meine Mittelmäßigkeit kaschiere ich häufig mit einer blonden Perücke, einer wasserstoffperoxidblonden Perücke, aber die trage ich heute Abend nicht, weil sich verkleiden verstößt gegen die Regeln eines Poetry Slams.

Und ich beschließe diesen Text mit dem Lebenscredo aller Mittelblonden: Medium blondes have only medium fun!