16. Februar 2012

Heiraten



Seit meinem letzten Geburtstag halte ich Ausschau nach Anzeichen. Es gibt keinen Mann in meinem Umfeld, der in der zweiten Hälfte der 30er nicht für mindestens ein Jahr verrückt gedreht ist. Da werden langjährige Beziehungen beendet, es wird plötzlich wild rumgefickt oder rumgezickt weil ungefickt.

Seit langem freute ich mich auf diese Phase. „Endlich mal wieder eine Chance auf Sex!“ dachte ich. Bis mir auffiel, dass in vielen Texten, die ich in jüngerer Zeit verfasst hab, der Ich-Erzähler am Ende jemanden heiratet. Heiraten war sonst nie ein Thema. „Heiraten! Wer tut denn so was!“ Aber jetzt will ich heiraten. Ich weiß bloß noch nicht wen.

Allerdings weiß ich bereits, dass wir einen Wellensittich haben werden. Damit wir im Falle einer Scheidung wen haben, um dessen Sorgerecht wir uns streiten können.

Ein wenig fühle ich mich schon vom Schicksal betrogen. Während andere Männer in ihrer Midlife Crisis bumsen bis der Arzt kommt, werde ich heiraten. Nicht dass Verheiratete keinen Sex haben, aber ihr wisst doch wie das läuft: Isst du jeden Tag zum Frühstück ein Kürbiskernbrötchen, hast du irgendwann keinen Bock mehr auf Kürbiskernbrötchen.

Wie es sich wohl anfühlen wird, hinter dem Rücken des Kürbiskernbrötchens ein Sesambrötchen zu vernaschen? – Es gilt für mich als ausgemacht, dass ich fremdgehen werde. So komme ich auf Umwegen doch noch zum Sex. Ich pimper die komplette Bäckereiauslage durch: Mehrkornbrötchen, Milchbrötchen, Mohnbrötchen, Rosinenbrötchen, Käsebrötchen, Laugenbrezel, Schrippe, Semmel, Croissant, Baguette.

Weil heiraten uncool ist, werde ich mindestens die Hälfte meiner Facebook-Freunde verlieren. Und auch die anderen Freundschaften sind gefährdet. Hab ich doch kaum noch Zeit, um mich mit Freunden zu treffen. Entweder bin ich mit meinem Ehemann bei IKEA oder ich gehe in den Umkleidekabinen von H&M fremd.

Sogar am Samstag ist das Ausgehen gestrichen, weil wir sonntags immer zum Mittagessen zu den Schwiegereltern müssen. Und was für ein Fraß einem bei denen vorgesetzt wird! Gefühlt gibt es jedes Mal Wirsing. Von dem ich pupsen muss, aber im Haus meiner Schwiegereltern wird nicht gepupst!

Ich soll mich in meine Heiratsfantasien nicht so reinsteigern, sagt ein Kumpel, während wir im Bräutigammodengeschaft sind und ich einen Anzug nach dem anderen anprobiere. Ich bin mir nicht sicher, ob ich lieber einen nachtblauen oder einen marineblauen Anzug möchte. Vielleicht sollte ich zuerst entscheiden, welche Blumen in meinem Bouquet sein werden und passend dazu den Anzug auswählen.

Dahlien wären schön, überlege ich. Aber eigentlich weiß ich gar nicht genau, wie Dahlien überhaupt aussehen. Und ebenso weiß ich ja noch nicht wie mein Ehemann aussehen wird. Hinterher passen Dahlien nicht zu seiner Haarfarbe. Und wie schaut das denn dann aus auf den Fotos! Oder ich suche mir einen glatzköpfigen Ehemann, dann spielt das mit den Dahlien und der Haarfarbe keine Rolle. Aber was ist, wenn der glatzköpfige Ehemann einen Bart hat?

Fragen über Fragen. Um die Antworten darauf zu finden, begebe ich mich im Nachtleben auf Bräutigamschau.

Kandidat Nr. 1 ist zu bekifft. Der würde sicher einen Tag zu spät beim Standesamt aufkreuzen. Kandidat 2 hat eine beste Freundin dabei und ich will nicht, dass die hässliche Schnepfe eine von unseren Brautjungfern wird. Kandidat 3 kann gut küssen, zumindest bis sein Freund von der Toilette wiederkommt und ich eine gescheuert krieg.

Mit der geschwollenen Backe kann ich die Bräutigamschau für diese Nacht vergessen und betrinke mich. Und entwerfe in Gedanken schon mal eine vorläufige Tischordnung. Meine Schwiegereltern sitzen mir jedenfalls nicht gegenüber. Wenn ich die die ganze Zeit im Blick hab, muss ich automatisch nonstop pupsen, auch wenn es bei unserer Hochzeit selbstverständlich keinen Wirsing gibt.

Nachdem ich den Club verlassen hab, saufe ich in einem Späti weiter und komme gegen 7 Uhr morgens nach Hause. Ich stolpere durch den Flur und zwischen hysterischem Gekicher rufe ich immer wieder: „Ja, ich will. Ja, ich will. Ja, ich will ja. Ich will. Ja, ich will. Ja, ich will!“

Mein Mitbewohner kommt aus seinem Zimmer und denkt, ich hätte irgendne Pille eingeworfen. Ich krieg schon wieder eine gescheuert, so doll, dass ich die Hochzeitsglocken läuten höre. Ding, dong.