9. Juni 2012

Unser Mudder trägt keinen BH

„Was machst du da?“ fragt meine Schwester.
„Ich suche einen Text aus“, antworte ich. Bald habe ich einen Auftritt im Fernsehen und ich weiß noch nicht, was ich da vorlesen soll.
Meine Schwester findet, dass der Text an und für sich egal ist. Ich solle mehr Wert auf mein Outfit legen. Wenn die Verpackung stimme, sei der Inhalt zweitrangig.

„Ich jedenfalls würde einen Push-up-BH tragen“, sagt meine Schwester. Um ihre weiblichen Rundungen herauszustellen.
Diesen Tipp finde ich wenig hilfreich. „Ich habe aber doch gar keine weiblichen Rundungen“, entgegne ich.
„Dann knöpf halt dein Hemd zwei Knöpfe weiter auf als du es sonst tust“, empfiehlt meine Schwester. Und weil sie eine ungeduldige Person ist, knöpft sie mein Hemd weiter auf, ehe ich dies tun kann. Mit einer Rundbürste frisiert sie meine Brustbehaarung und ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „So kannst du im Fernsehen auftreten, Tom!“ meint sie und gibt mir einen Klaps auf den Po.

Meine Schwester geht und eine Stunde später ruft mich unsere Mutter an. „Junge, zieh auf gar keinen Fall einen BH an, wenn du im Fernsehen auftrittst!“ zetert sie.
„Ich hab noch nie einen BH angezogen“, sage ich.
„Hast du doch!“
„Hab ich nicht.“
„Hast du doch! Gerkens Änne hat dich in Berlin in einer Travestieshow auftreten sehen.“
„Hat sie nicht.“
„Hat sie doch!“

Es raschelt im Hörer und mein Vater ist dran: „Junge, deine Mutter hat in ihrem ganzen Leben noch keinen BH getragen und ich finde sie noch immer so knackig wie an dem Tag, an dem ich sie kennen gelernt hab.“
„Und gerade eben haben wir noch miteinander gefickt!“ höre ich meine Mutter im Hintergrund jauchzen.
Mein Vater erzählt, dass sie bis Sonntagabend im Bootshaus sind. Ob ich nicht auch vorbeikommen möchte.

Niemals besuche ich meine Eltern im Bootshaus. Das Bootshaus befindet sich in einer Kolonie von Bootshäusern an einem See in Mecklenburg-Vorpommern. Und es handelt sich weltweit um die einzige Bootshauskolonie, die ausschließlich von Nudisten bevölkert ist.

Mein Vater ist enttäuscht, dass ich sie nicht besuchen will. „Wie kann ein Vater wie ich einer bin nur einen solch prüden Sohn produziert haben!“ jammert er.
„Papa“, erwidere ich, „der geilste Inhalt ist nichts wert ohne eine ansprechende Verpackung.“
Für meine Eltern hingegen ist eine Verpackung nichts als eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen, weswegen ich meine Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke seit jeher einfach so auf den Tisch gestellt bekomme – ohne Geschenkpapier und ohne Schleife dran. Und als ich ihnen gesteckt hab, dass ich schwul bin, haben sie mir eine Jahreskarte für eine Sauna geschenkt.

Bald nach dem Gespräch mit meinem Vater kommt mein Freund zum Abendessen vorbei. Als ich ihm die Wohnungstür öffne, ist er bereits nackt – seine Klamotten hat er unter den Arm geklemmt, seine Schuhe hält er in der Hand.
Mein Vater habe ihn angerufen und ihm geraten, sich mir gegenüber häufiger nackig zu präsentieren. „Dein Vater hält dich für einen Spießer“, sagt mein Freund.

Außerdem habe ihn mein Vater angefleht, mir auszureden, mit einem BH im Fernsehen auftreten zu wollen.
„Ich hatte nie vor, im BH im Fernsehen aufzutreten!“ ereifere ich mich. „Aber soeben hab ich meine Ansicht geändert. Dann trete ich halt im BH im Fernsehen auf! Dann werden wir ja sehen, wer hier der Spießer ist!“

Und zuletzt hat mein Vater meinen Freund gebeten, mich subtil darauf hinzuweisen, dass mein Erzeuger morgen seinen 60. Geburtstag erlebt und es schön fände, wenn seine Kinder inklusive Anhang im Bootshaus aufkreuzen würden.

„Ich denke, ich werde meinem Vater zum Geburtstag einen selbst gehäkelten Öko-BH aus unbehandelter Schafswolle schenken.“