15. Oktober 2012

Die Partygirls vom Prenzlauer Berg

Ein Artikel, der im Jahr 2015 in einem Berliner Stadtmagazin erscheinen wird.



Auch die Kinder vom Prenzlauer Berg entwickeln sich unweigerlich zu Teenagern. Ihr Bruder geht gerade mal in die 3. Klasse, doch Belinda steht bereits kurz vor ihrem 16. Geburtstag. Jeden Freitag holt ihre Mutter sie aus der Lüneburger Heide ab, wo Belinda seit letztem Schuljahr auf ein Internat geht.

„Meine Eltern sind der Ansicht, dass meine Talente auf einer normalen Schule nicht ausreichend gefördert werden“, erzählt Belinda, als ich sie am späten Freitagnachmittag in einem Café im Bötzowviertel treffe.

Als ich frage, was denn ihre Talente seien, kramt sie eine CD aus ihrer Handtasche. Es handelt sich um das Debütalbum einer Punkband, dessen Sängerin Belinda ist. Die CD ist bei einem kleinen Label erschienen, dass von Schülern eines Prenzlauer Berger Gymnasiums betrieben wird. Die Band nennt sich „Die gentrifizierten Fotzen“.

Belinda räumt ein, dass ihre Eltern weder den Bandnamen kennen geschweige denn überhaupt von der Existenz der Band wissen. Ihre Eltern würden sich furchtbar aufregen, sagt Belinda, wenn sie erführen, dass all der Klavier- und Geigenunterricht, den sie ihrer Tochter haben angedeihen lassen, keine dauerhaften Früchte getragen habe.

Die Tür öffnet sich und Belindas beste Freundin Elouise tritt ein. Elouise kommt gerade vom Japanischunterricht. „Es kann sein, dass meine Familie bald für ein Jahr nach Tokio zieht“, erklärt Elouise. Aber eigentlich habe sie auf Tokio gar keine Lust, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass ihr Leben in Tokio genauso spannend wäre wie in Berlin.

Belinda wird heute bei Elouise übernachten, weil Elouises Eltern übers Wochenende nach Barcelona geflogen sind. Davon dass Elouise sturmfrei hat, wissen Belindas Eltern allerdings nichts und davon dass die beiden Mädchen eine Party planen – davon wissen weder die einen noch die anderen Eltern etwas.

„Ich glaub, unsere Eltern können sich höchstens vorstellen, dass wir eine Pyjamaparty machen“, kichert Elouise und lästert im Anschluss über ihre Mutter: „Meine Mutter ist eine vertrocknete Kaktusblüte, die in Böblingen aufgewachsen ist. Dort hat ihr nie jemand beigebracht, was es bedeutet, richtig Spaß zu haben.“

Die Mädchen werden von zwei Jungs aus Belindas Band abgeholt, die sich bereit erklärt haben, beim Getränke schleppen zu helfen. Elouise meint, ich solle doch gegen Mitternacht vorbeikommen, dann sei die Party in vollem Gange.

Doch als ich um Mitternacht die angegebene Adresse erreiche, stehen die Jugendlichen bereits vor der Haustür. Die Polizei wäre schon zweimal da gewesen, berichtet Belinda, weswegen sie jetzt lieber abhauen und in einen Club fahren. Vor uns hält ein erstes Taxi, bald darauf noch eins und noch eins und noch weitere und Wagen für Wagen leert sich der Bürgersteig.

Das Ziel ist eine illegale Location im Keller eines Plattenbaus nahe der Storkower Straße. Die Decke ist niedrig, die Luft stickig, die Musik elektronisch. Ich höre unterschiedliche Sprachen um mich herum und Elouise sagt, dass heute Abend viele Austauschschüler hier seien. Aufgrund von Fremdsprachenunterricht von frühester Kindheit an haben Belinda und Elouise keine Schwierigkeiten, mit den Austauschschülern anzubandeln. Belinda flirtet mit einem Italiener und Elouise verschwindet mit einem Brasilianer nach draußen.

Nach etwa einer Stunde kehrt Elouise allein zurück und meint, der Brasilianer habe noch woandershin gewollt. Und alsbald unterhält sie sich mit dem englischen Cousin einer Mitschülerin, der übers Wochenende zu Besuch in Berlin ist.

Während der Engländer an der Bar neue Getränke ordert, tuschelt Elouise mir zu, dass sie sich als überdurchschnittlich an sexuellen Kontakten interessiert empfindet. „Laut meiner Lebensberaterin kommt das vermutlich daher, dass meine Mutter mich solange gestillt hat bis ich auch wirklich den allerletzten Tropfen Milch aus ihr rausgesaugt hatte.“

Um drei Uhr verlassen Belinda und Elouise den Club. Während sich Belinda mit einer Gruppe von italienischen Austauschschülern noch in eine Bar nach Friedrichshain aufmacht, fährt Elouise mit dem Engländer zu sich nach Hause.

Sie habe sich in den Engländer verliebt, schwärmt Elouise, als ich sie ein paar Tage später zufällig an einer Tram-Haltestelle wiedersehe. Sie erwägt nun, ein Schuljahr in England zu verbringen. „Auf jeden Fall ist England cooler als Tokio!“ findet Elouise. Außerdem ginge Belinda vielleicht auch demnächst für ein Jahr nach England. Nachdem Belindas Eltern inzwischen von den musikalischen Aktivitäten ihrer Tochter erfahren haben, möchten sie sie gern ins Ausland schicken. Und ich muss Elouise zustimmen, dass Belindas Eltern „echt bescheuert“ sind, denn wer schickt schon eine Punksängerin, um sie vom Punk kurieren zu wollen, ausgerechnet nach England!