18. Januar 2017

Mittelfelder Kurier #4

Die Alten wandern ab



Während es andernorts die jungen Leute sind, die ländliche Regionen verlassen, sind es in Mittelfeld die alten Menschen, die abwandern.

Wenn ich in ein paar Jahren zum letzten Mal meinen Laden abgeschlossen hab, ziehe ich gleich tags drauf nach Göttingen oder Kassel oder gar nach Berlin, sagt Emma Schmitz, Besitzerin von Mittelfelds Gemischtwarenladen. Wenn ich nicht weggehe, lande ich am Ende noch bei der Bokel im Altenheim, bei der Bokel, dieser Nazischickse.

Marianne Bokel räumt in einem Telefonat mit dem Mittelfelder Kurier ein, in ihrem Seniorenheim Nachwuchsprobleme zu haben. Diese blöde Schmitz, diese ignorante Tante Emma vom Gemischtwarenladen, ist nicht die Einzige, die abhauen will, berichtet Marianne Bokel. Und wenn die Alten nicht bis zum Tod in Mittelfeld blieben, beschädige dies die hiesige Wirtschaftsordnung. Aufgrund der ungenutzten Heimplätze habe ich bereits eine Mitarbeiterin entlassen müssen, beklagt sich Marianne Bokel.

Und auch ihre Nichte Marion Bokel, Chefin des ortsansässigen Bestattungsunternehmens, fühlt sich von der sinkenden Seniorenzahl negativ betroffen. Zitat Marion Bokel: Erst bleiben die Seniorenheimzimmer leer und dann die Särge.

Im Kontrast dazu verzeichnet Winfried Hagemann, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Agnes, keinen Rückgang an gefüllten Särgen. Die Zahl der Beerdigungen liege in seiner Gemeinde genauso wie die Summe der Gemeindemitglieder seit Jahren konstant bei Null.


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